28.09.2016
Yvonne Traxel

Neue Denkansätze sind gefragt!

Ein Mix aus Pflegeimmobilien und alternativen Wohnformen ist der Lösungsweg

Der Fach-Dialog „Pflegeimmobilien“ in Frankfurt nahm in diesem Jahr das Pflegestärkungsgesetz (PSG) II mit seinen Auswirkungen für die Pflege- und Immobilienbranche unter die Lupe.

Kai Ty­bus­sek, Ge­schäfts­füh­rer von Cu­ra­con, stell­te zu Be­ginn der Ver­an­stal­tung fest: „PSG II ist die größ­te Re­form seit 20 Jah­ren und stellt das Sys­tem auf den Kopf!“ Das größ­te Pro­blem je­doch, näm­lich die an­ge­mes­se­ne Per­so­nal­be­mes­sung der Pfle­ge­hei­me, blei­be da­mit un­ge­löst. Und noch kla­rer: „Voll­sta­tio­när ist nicht das Mo­dell der Zu­kunft. Kos­ten­trä­ger müs­sen al­le For­men an­bie­ten, weil nicht ein­schätz­bar ist, wie weit der Ge­setz­ge­ber mit den Re­for­men ge­hen wird.“

Sein Kol­le­ge und Part­ner Jan Gra­bow er­gänz­te, dass al­ter­na­ti­ve Wohn­for­men und Ver­bund­pro­jek­te an Be­deu­tung ge­ne­rell zu­ge­nom­men ha­ben: „Die Heim­quo­te wird sin­ken, aber die Zahl der Heim­plät­ze wird stei­gen“, pro­gnos­ti­zier­te Grabow.

Nach Ein­schät­zung von Kars­ten Jungk, Part­ner von Wüest & Part­ner, wer­den bis zum Jahr 2030 rund 255.000 zu­sätz­li­che Plät­ze für Pfle­ge­ein­rich­tun­gen be­nö­tigt. Der An­pas­sungs­be­darf der Dop­pel­zim­mer be­trifft aus sei­ner Er­fah­rung vor al­lem die pri­va­ten Be­trei­ber und gro­ßen Einrichtungen.

In dem Pa­nel „Füh­ren die neu­en Rah­men­be­din­gun­gen lang­fris­tig zum Aus der sta­tio­nä­ren Pfle­ge“ wa­ren sich die Dis­ku­tan­ten ei­nig, dass die Ge­set­ze zu ei­ner Ver­un­si­che­rung von Be­trei­bern ge­führt ha­ben und die Re­gu­lie­rungs­flut wei­te­re Hür­den für die prak­ti­sche Um­set­zung dar­stellt. „Es ist ein­fa­cher ein Atom­kraft­werk zu bau­en als ein Pfle­ge­heim“, sag­te über­spitzt ein Teil­neh­mer des Pa­nels. Her­bert Mau­el, Ge­schäfts­füh­rer vom Bun­des­ver­band pri­va­ter An­bie­ter so­zia­ler Diens­te e.V. kri­ti­sier­te, dass die Heim­ge­set­ze der Län­der zu ei­ner Art „Hoch­schul­sport“ ge­wor­den sei­en – ähn­lich wie bei der Bildungspolitik.

Mit gro­ßer Be­geis­te­rung ver­folg­ten die Teil­neh­mer die Re­de von Pro­fes­sor Os­wald von der For­schungs­stel­le De­menz & Prä­ven­ti­on an der Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-Nürn­berg. Ziel des neu­en Pfle­ge­be­griffs sei die „So­zia­le Teil­ha­be“, sag­te er. Es feh­le je­doch an bau­li­chen In­no­va­tio­nen und Per­so­nal, um die­sem An­spruch ge­recht zu wer­den. De­menz- bzw. Alz­hei­mer­pa­ti­en­ten sei­en oft noch sehr mo­bil. Der Be­we­gungs­drang schei­te­re aber schon an der Mög­lich­keit, selbst­stän­dig ins Freie zu kom­men. Eben­er­di­ges Bau­en müs­se die Ant­wort sein. Da­zu be­nö­tigt man al­ler­dings mehr Flä­che, was das Bau­ob­jekt teu­rer macht. Es gibt be­reits gu­te Bei­spie­le wie in Ha­meln, wo ei­ne kreis­för­mi­ge Bau­wei­se des Pfle­ge­heims da­zu führt, dass De­menz­kran­ke ih­re Run­den auf dem Ge­län­de dre­hen kön­nen so oft sie wollen.

Dr. Bea­te Rad­zey von De­menz Sup­port Stutt­gart  er­gänz­te, dass dif­fe­ren­zier­te Auf­ent­halts­mög­lich­kei­ten in Pfle­ge­hei­men für die Pa­ti­en­ten von gro­ßer Be­deu­tung sei­en – al­so vie­le klei­ne Er­leb­nis­flä­chen und Räu­me. Als Trä­ger ei­ner Ein­rich­tung sei ei­ne Vi­si­on wich­tig, um den Men­schen in den Hei­men ge­recht zu werden.

Im ab­schlie­ßen­den Pa­nel wur­de deut­lich, dass auch ganz neue bran­chen­frem­de Play­er in den Pfle­ge­markt kom­men wer­den. Die­se bie­ten auf Platt­for­men Ser­vice­leis­tun­gen an, die nicht ur­sprüng­lich für Pfle­ge­be­dürf­ti­ge kon­zi­piert sind. „Die Im­mo­bi­li­en­wirt­schaft kann z.B. von der Gas­tro­no­mie ler­nen, wie man sich mit ex­ter­nen Dienst­leis­tern gut ver­netzt und ein brei­te­res An­ge­bot an­bie­tet“, so die Emp­feh­lung von Mar­ta Kwiat­kow­ski Schenk, Se­ni­or Re­se­ar­cher beim GDI Gott­lieb Dutt­wei­ler In­sti­tut. Und Frau Dr. Rad­zey pflich­te­te ihr bei: „Pfle­ge­hei­me müs­sen sich öff­nen und an­de­re Dienst­leis­tun­gen an­bie­ten. Trä­ger müs­sen mu­ti­ger, fle­xi­bler und dienst­leis­tungs­ori­en­tier­ter wer­den.“ Mit die­sem Auf­ruf wur­de deut­lich, dass es in der Pfle­ge- und Im­mo­bi­li­en­bran­che noch viel zu tun gibt. Neue Denk­an­sät­ze sind ge­fragt! Wir sind ge­spannt, wie schnell sich hier der Sin­nes­wan­del vollzieht.

Die Autorin
Bild: Heuer Dialog
Yvonne Traxel
Senior Projektleiterin
Heuer Dialog GmbH