01.03.2016
Prof. Dr. Angelika Leppin

Geht doch: Änderungen im Bauplanungsrecht in Zusammenhang mit Flüchtlingsunterbringung

Flüchtlingsunterkünfte in Gewerbegebieten nach neuem Recht

Flüchtlingsunterkünfte in Gewerbegebieten nach neuem Recht1 - Nachbarschutz wegen fehlender Ermessenserwägungen (Beschluss des VG Schleswig vom 27.01.2016 - 8 B 36/152)

I. Einleitung

In Ge­wer­be­ge­bie­ten darf nicht ge­wohnt wer­den – Aus­nah­me: Be­triebs­lei­ter­woh­nun­gen. Die­ser Grund­satz galt lan­ge Zeit und ist zu­nächst mit dem „Ge­setz über Maß­nah­men im Bau­pla­nungs­recht zur Er­leich­te­rung der Un­ter­brin­gung von Flücht­lin­gen“ (In­kraft­tre­ten am 20.11.20143) ab­ge­löst und mit In­kraft­tre­ten des Asyl­ver­fah­rens­be­schleu­ni­gungs­ge­setz zum 24.10.20154 noch wei­ter kon­kre­ti­siert worden.

II. Er­rich­tung von Flücht­lings­un­ter­künf­ten in Gewerbegebieten

Ma­ß­geb­li­che Re­ge­lung ist § 246 Abs. 10 BauGB. Da­nach kann die Bau­auf­sichts­be­hör­de – so­wohl in ei­nem durch Be­bau­ungs­plan förm­lich fest­ge­setz­ten Ge­wer­be­ge­biet – als auch in ei­nem sog. „fak­ti­schen“ Ge­wer­be­ge­biet u.a. für Flücht­lings­un­ter­künf­te ei­ne Be­frei­ung er­tei­len, wenn

• an dem Stand­ort An­la­gen für so­zia­le Zwe­cke als Aus­nah­me zu­ge­las­sen wer­den kön­nen oder all­ge­mein zu­läs­sig sindund

• die Ab­wei­chung auch un­ter Wür­di­gung nach­bar­li­cher In­ter­es­sen mit öf­fent­li­chen Be-lan­gen ver­ein­bar ist.

So­fern die vor­ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen ge­ge­ben sind, kann die Bau­auf­sichts­be­hör­de – im Ein­ver­neh­men mit der Ge­mein­de – auch in ei­nem Ge­wer­be­ge­biet, dass durch Emis­sio­nen ge­prägt ist, wes­halb dort (ei­gent­lich) nicht ge­wohnt wer­den soll, ei­ne Be­frei­ung er­tei­len. Es han­delt sich we­gen der „Kann­re­ge­lung“ um ei­ne Er­mes­sens­re­ge­lung, so dass die Bau­auf­sichts­be­hör­de im Rah­men ih­rer Be­frei­ungs­ent­schei­dung ihr Er­mes­sen auch tat­säch­lich aus­üben muss.

III. Nach­bar­schutz durch Gel­tend­ma­chung des sog. Ge­biets­er­hal­tungs­an­spruch man­gels Er­mes­sen­ser­wä­gun­gen der Bauaufsichtsbehörde

Dies hat ei­ne Bau­ge­neh­mi­gungs­be­hör­de in Schles­wig-Hol­stein schlicht über­se­hen, wes­halb das VG Schles­wig ei­nem Eil­an­trag des kla­gen­den Nach­barn statt­ge­ge­ben hat. Zu­nächst hat das Ge­richt un­ter Hin­weis auf den sog. „Ge­biets­er­hal­tungs­an­spruch“ her­aus­ge­stellt, dass dem Ei­gen­tü­mer ei­nes Grund­stücks ein sol­cher An­spruch zu­steht, wenn durch das Bau­vor­ha­ben ei­ne „Ver­frem­dung“ des Ge­bie­tes ein­ge­lei­tet wird. Nach­bar­schutz be­steht im Rah­men des Ge­biets­er­hal­tungs­an­spruch der­ge­stalt, dass je­der Be­trof­fe­ne, der in dem­sel­ben Ge­biet wie das ge­plan­te Vor­ha­ben Ei­gen­tum oder ei­ne ei­gen­tü­mer­ähn­li­che Po­si­tion5 in­ne­hat, das Ein­drin­gen ei­ner ge­biets­frem­den Nut­zung und da­mit die schlei­chen­de Um­wand­lung des Bau­ge­bie­tes – un­ab­hän­gig von ei­ner kon­kre­ten Be­ein­träch­ti­gung – ver­hin­dern kan­n6. Grund­sätz­lich stün­de dem ge­wer­be­trei­ben­den Ei­gen­tü­mer ein sol­cher Ge­biets­er­hal­tungs­an­spruch zu, so­fern nicht die Vor­aus­set­zun­gen des § 246 Abs. 10 BauGB ge­ge­ben sei­en. Das VG Schles­wig hat dem nach­bar­li­chen Eil­an­trag – al­ler­dings nur – aus dem Grun­de statt­ge­ge­ben, weil die Bau­auf­sichts­be­hör­de bei ih­rer Be­frei­ungs­ent­schei­dung ver­ab­säumt hat dar­zu­le­gen, dass „die Ab­wei­chung auch un­ter Wür­di­gung nach­bar­li­cher In­ter­es­sen“ mit öf­fent­li­chen Be­lan­gen ver­ein­bar ist. Die­se (feh­len­den) Er­mes­sen­ser­wä­gun­gen kann die Bau­auf­sichts­be­hör­de je­doch nach­ho­len und an­schlie­ßend ei­nen An­trag auf Ab­än­de­rung der ge­richt­li­chen Ent­schei­dung stel­len. Zu den von zu­wei­len Nach­barn gel­tend ge­mach­ten „Lärm­emis­sio­nen“ durch Flücht­lin­ge ha­ben die Ge­rich­te ju­di­ziert, dass es sich hier­bei um „ty­pi­sche Le­bens­äu­ße­run­gen von Men­schen“ han­de­le, die schon nicht ge­eig­net sei­en, die Schwel­le der Zu­mut­bar­keit zu über­schrei­ten. Stö­run­gen und Be­ein­träch­ti­gun­gen, die au­ßer­halb der be­stim­mungs­mä­ßi­gen Nut­zung ei­ner Ein­rich­tung auf­trä­ten, sei­en ggf. mit den Mit­teln des Po­li­zei- und Ord­nungs­rechts oder des zi­vi­len Nach­bar­rechts zu be­geg­nen7. Auch der gel­tend ge­mach­te „Wert­ver­lust“ be­grün­de kei­nen schwe­ren Nach­teil und stel­le kei­nen ei­ge­nen bo­den­recht­lich re­le­van­ten Ge­sichts­punkt dar.8 Al­ler­dings kön­ne die „Be­le­gungs­dich­te“ der Un­ter­kunft bo­den­recht­li­che Re­le­vanz ha­ben. Dies ist dann ei­ner ein­zel­fall­be­zo­ge­nen Be­wer­tung zu unterziehen.9

 

  • 1Prof. Dr. An­ge­li­ka Lep­pin, Part­ne­rin der Part­ner­schaft mbB WEISS­LE­DER EW­ER, Kiel, Rechts­an­wäl­tin und Fach­an­wäl­tin für Verwaltungsrecht.
  • 2Vgl. den Be­schluss des VG Schles­wig vom 27.01.2016 – 8 B 36/15 – nicht veröff.
  • 3BGBl. I, 1748
  • 4BGBl. I S. 1789.
  • 5Vgl. auch den Be­schluss des VG Ham­burg vom 12.02.2016 – 7 E 6816/15 – zit. n. Ju­ris, Rn­dr. 28, wo­nach „ding­lich Be­rech­tig­te“, wie ein­zel­ne Ei­gen­tü­mer nach dem WEG, eben­falls an­spruchs­be­rech­tigt sind.
  • 6Vgl. zum Ge­biets­er­hal­tungs­an­spruch be­reits das BVer­wG im Ur­teil vom 16.09.1993 – 4 C 28/91 – BRS 55 Nr. 110.
  • 7Vgl. das OVG Müns­ter, Ur­teil vom 10.4.2014 - 7 D 100/12.​NE -, BRS 82 Nr. 30.
  • 8Vgl. das BVer­wG, Be­schluss vom 2.8.1993 - 4 NB 25/93 -, zit. n. juris.
  • 9Vgl. das VG Karls­ru­he im Ur­teil vom 02.12.2015 – 5 K 350/15 – zit. n. Ju­ris, Rdnr. 46.

Frau Prof. Dr. An­ge­li­ka Lep­pin wird im Rah­men des Fach-Dia­logs Wohn­raum für Flücht­lin­ge am 10. März 2016 ei­nen Vor­trag zum The­ma "Bau­recht­li­che Er­rich­tung von Un­ter­künf­ten und Si­cher­stel­lung ei­ner Nach­nut­zung" halten.

Die Autorin
Bild: Heuer-Dialog
Prof. Dr. Angelika Leppin
Partner
WEISSLEDER EWER Rechtsanwälte Partnerschaft mbB