Heuer Dialog

Baukultur: Image- oder Kostenfaktor?


Wo bleibt unser Gestaltungsanspruch an die gebaute Umwelt? Wo die Qualitätskontrolle? Fragen, die man sich immer öfter stellt – betrachtet man den neuen Discounter um die Ecke oder den Kreisverkehr am Ortseingang. Es fehlt die Identifikation mit dem neu Gebauten, es fehlt Lebensqualität. Wie wollen wir Menschen heute leben? Wo fühlen wir uns wohl?

Die Bundesstiftung Baukultur sucht Antworten auf diese Fragen. Mit dem anspruchsvollen Ziel, bei Akteuren und in der Bevölkerung Interesse und Aufmerksamkeit für Baukultur zu wecken. Vorstandsvorsitzender Prof. Michael Braum erklärt INSIGHT, wo uns die Baukultur verloren gegangen ist und wie wir sie wiedergewinnen können.



Wirtschaftlichkeit kontra Gestaltqualität

Der analytische Geist der späten Moderne zerlegte Vitruvs harmonischen Dreiklang der Utilitas, der Firmitas und der Venustas beim Entwurf unserer Gebäude. Dieses Phänomen unterstützte die zunehmende Bedeutung der ökonomischen Parameter bei der Erstellung der Häuser, mit den uns bekannten negativen Folgen für die gebaute Umwelt. In der Konsequenz geriet die Baukultur in die Kritik der breiten Öffentlichkeit und dies zu Recht, zeugen doch zahllose Bauwerke aus dieser Epoche davon, dass bei ihrer Errichtung letztendlich die Wirtschaftlichkeit über die Gestaltqualität obsiegte.

Baukultur muss wieder als etwas Sinnliches erfahrbar werden, das über rein ökonomische Kriterien hinausgeht und darüber hinaus Einzigartigkeit beinhaltet - gerade für die Architektur des Alltäglichen.

Wollen wir die Qualitäten der Architektur des Alltags nachdrücklich verbessern, muss sich die Profession für eine Qualitätskontrolle der Produkte der gebauten Umwelt einsetzen und auch diejenigen für die Diskussion gewinnen, welche die Gebäude und Objekte realisieren: die Bauherren und die Bauwirtschaft.

Identitätslose Alltagsarchitektur

Die global operierenden Städte laufen zunehmend Gefahr, ihrem Kontext, ihrer Identität und ihrer Geschichte entzogen zu werden. In der Konsequenz entsteht die „Stadt ohne Eigenschaften“. Diesem Trend entgegensteuern muss die notwendige Diskussion um die Baukultur. Gerade in der Qualität der Alltagsarchitektur zeigt sich, inwieweit unsere Städte es in Zukunft zu leisten vermögen, gesellschaftlich zentrale Stadträume nicht zu „Stätten ohne Eigenschaften“ werden zu lassen.

Das heißt, dass wir gerade der Alltagsarchitektur eine erhöhte Wertschätzung beimessen müssen, unseren Supermärkten, ebenso wie den großen Bauwerken der technischen Infrastruktur. Letztere Projekte sind heute für die Identität unsere Städte, ebenso prägend wie historisch die Einrichtungen der sozialen Infrastruktur, ob Kirchen, Synagogen oder Moscheen.

Aufgabe ist es, den Diskurs über das zeitgenössische Bild der europäischen Stadt derart zu qualifizieren, dass wir wieder Vertrauen in die Disziplin herstellen. Dies kann uns zukünftig nur gelingen, wenn wir in der Alltagsarchitektur wieder eine durchgängig höhere Gestaltqualität erzielen. Unsere Nachbarn, insbesondere in der Schweiz und in Österreich führen uns vor, wie ein solcher Paradigmenwechsel vollzogen werden kann.


Baukultur muss nicht teuer sein

Gestalterische Ansprüche an die Qualitäten der gebauten Umwelt, ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Geschichte sowie die Suche nach dem Einvernehmen mit den natürlichen Ressourcen sind kein ökonomischer Luxus, sondern ein Stück steter Selbstvergewisserung. Die Qualität unserer Umgebung prägt uns und ist ein Spiegelbild unserer Wertvorstellungen. Baukultur ist vor diesem Hintergrund ein Thema für jeden Tag.

Baukultur muss nicht teuer sein; viel mehr müssen die funktionalen und gestalterischen Ansprüche mit dem zur Verfügung stehenden Budget in Einklang gebracht werden. Dass dies geht, zeigt uns nicht nur die eigene Geschichte; inzwischen überzeugen uns auch Beispiele in der Gegenwartsarchitektur wieder davon, dass preiswerte Gebäude durchaus über baukulturelle Qualitäten verfügen, nur billige Häuser werden dies nie vermögen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die eingangs gestellte Frage Baukultur: Image- oder Kostenfaktor? nur in dem Sinne beantworten, dass die Anliegen der Baukultur nicht zwingend im Widerspruch zu den ökonomischen Parametern stehen müssen, gleichwohl die Bedeutung der Baukultur im Zuge der Globalisierung als Imagefaktor zunehmend an Bedeutung gewinnt. Aus diesem Kontext heraus lassen sich nicht zuletzt die aktuellen Debatten über Rekonstruktionen erklären.


 

Bundesstiftung Baukultur

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur wurde am 14. Dezember 2007 durch den Stiftungsrat bestellt. Der Vorstand nahm im Frühjahr 2008 seine Arbeit offiziell auf.

Vorstandsvorsitzender: Prof. Dipl.-Ing. Michael Braum

geboren 1953 in Bad Homburg v.d.H.. Studium an der Technischen Universität Berlin. Stadtplaner und Städtebauer, BDA, DASL, SRL. Universitätsprofessor am Institut für Städtebau und Entwerfen sowie Vizedekan der Fakultät für Architektur und Landschaft an der Leibniz Universität Hannover. Eigenes Planungsbüro in Berlin; seit 2006 Michael Braum + Partner, StadtArchitekturLandschaft.


Autor: Prof. Michael Braum, Vorstandsvorsitzender, Bundesstiftung Baukultur E-Mail

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