Heuer Dialog

Mit der Kirche in die Zukunft blicken: Umnutzung von Kirchenimmobilien


Nina Grauting
HOCHTIEF Construction AG

 
„Was haben wir als Projektentwickler mit Kirchen zu tun, wird sich der ein oder andere Leser jetzt fragen? Am Anfang habe ich mir dieselbe Frage gestellt! Bei genauerem Hinsehen und Nachfragen war jedoch schnell klar, dass die tiefgreifenden Veränderungen in der Gesellschaft auch weitreichende Auswirkungen auf die Kirchen haben.“
 
Lesen Sie hier in INSIGHT einen Kommentar von Nina Grauting, HOCHTIEF Construction AG formart NRW, zur Umnutzung von ehemaligen Kirchengrundstücken.
 
In erster Linie geht es um eine veränderte Sozialgestalt, um neue oder angepasste kirchliche Dienste und Angebote. Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf die kirchliche Infrastruktur, auf die Immobilien innerhalb der Kirchen. Auf der einen Seite steht hierbei die Notwendigkeit zu sparen. Auf der anderen Seite die Chance, auf neue Herausforderungen mit zukunftsweisenden Konzepten zu reagieren. Das Bistum Essen sei hier als Vorreiter beschrieben. Vor ähnlichen Herausforderungen stehen aber auch andere Bistümer und evangelische Kirchengemeinden.

Hohe Personal- und Unterhaltskosten: Der Rückblick
Am Anfang des Bistums Essen stand die Expansion: Es wurden zahlreiche Gemeinden mit eigenen Kirchengebäuden, Pfarrheimen, Kindertagesstätten, Jugendheimen, Pflegesatzeinrichtungen, Katholische Stadthäuser, Dienstwohnungen und Mietimmobilien gegründet. Dabei galt das Planungsprinzip, dass jeder Kirchenbesucher maximal 10 Minuten Fußweg hat.

Die demographische Entwicklung seit Gründung des Bistums Essen im Jahre 1958 ist rückläufig. Die Katholikenzahl reduzierte sich bis heute um 40 Prozent und die Zahl der Kirchenbesucher verringerte sich von 500.000 auf 87.500. Bei einer gleichbleibenden Anzahl an Kirchen und Personal stiegen gleichzeitig die Personalkosten und der Unterhalt für die Infrastruktur kontinuierlich an. Mit der rückläufigen Demographie geht auch ein dramatischer Rückgang des Kirchensteueraufkommens einher, da die Kirchensteuer an die Einkommenssteuer gekoppelt ist. Negativ bemerkbar machen sich außerdem die allgemeine wirtschaftliche Lage, der hohe Anteil an Arbeitslosen im Bistum Essen, der staatliche Trend zur indirekten Besteuerung, die hohe Zahl an Kirchenaustritten und vieles mehr. Bis 2009 ist ohne Anpassungsmaßnahmen mit einer Verschuldung des Bistums von zirka 200 Millionen Euro zu rechnen.

Das Bistum reagierte auf die Veränderungen, indem es ab dem Jahr 2005 260 selbstständige Kirchengemeinden mit insgesamt 345 Kirchen zu 43 Großpfarreien zusammenfasste. 96 Kirchenstandorte mit den entsprechenden Immobilien wurden aufgegeben. So konnten Personalkosten abgebaut und der Restrukturierungsaufwand zu einem großen Anteil durch Immobilienverkäufe finanziert werden.

Prioritäten und Leitlinien: Der Vorausblick
Die neue Bistumsstruktur sieht vor, 380 Einrichtungen für Kinder in einen Zweckverband zu überführen und davon zirka 80 Einrichtungen zu schließen. Soweit hier keine freien Träger oder Kommunen einspringen, werden die Immobilien zur Disposition gestellt. Die auf lokalen Ebenen vorhandenen überpfarrlichen Einrichtungen wie Bildungswerke, Familienbildungsstätten Beratungsstellen, usw. sollen aufgelöst oder den jeweiligen Pfarreien angegliedert werden. Die jeweiligen Immobilien sollen umgenutzt oder verkauft werden.

Damit die Kirchengemeinden als Eigentümer die wirtschaftliche Verantwortung nicht allein tragen müssen, hat das Bistum Essen für die Umnutzung von Kirchengebäuden Prioritäten in Form von Leitlinien erlassen. So stehen beim Verkauf von kirchlichen Immobilien eine weitere kirchliche oder eine soziale und/oder kulturelle Nutzung an erster Stelle. Der Wohnungsbau zählt hierbei zu den sozialen Kriterien. Gewerbliche Nutzungen sind aber nicht ausgeschlossen. Als Ultima Ratio wird der Abbruch von Kirchen nicht ausgeschlossen.

Büros, Wohnen und Gewerbe: Der Neuanfang
Neue Bistumsstruktur und deren Auswirkungen an praktischen Beispielen: Die HOCHTIEF Construction-Niederlassung formart NRW arbeitet bereits erfolgreich bei mehreren Projekten mit dem Bistum Essen und verschiedenen Kirchengemeinden im Bistum zusammen, indem sie berät, entwickelt und steuert.
 

Planungsentwurf: Architekturbüro Koschany Zimmer Architekten, Essen

St. Raphael, Essen-Bergerhausen
Die Projektentwicklung St. Raphael in Essen-Bergerhausen beruht auf einer ganzheitlichen, abgestimmten Planung. Diese beinhaltet ein Wohnheim für 16 Kinder und Jugendliche mit Behinderung, einen Servicepoint für einen familienunterstützenden Dienst sowie eine Gewerbeeinheit und einen Multifunktionsraum für die Bewohner des Quartiers. Hinzu kommt ein Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage und zirka zehn Wohnungen, die alle barrierearm ausgeführt werden. Acht Doppelhaushälften runden das Angebot ab. Im Herzen des Projekts soll neben dem Wohnheim ein Spielplatz sowie Flächen zum Entspannen und „Klönen“ entstehen. Diese Bereiche können integrativ von allen Bewohnern des Quartiers genutzt werden. Allerdings wird das Kirchengebäude aus den 1960er Jahren abgerissen.  

St. Christophorus, Essen-Kray

Ein Musterbeispiel für eine innerkirchliche Umnutzung ist das Kirchengebäude in St. Christophorus, Essen-Kray. Gemeinsam mit dem Bistum Essen haben wir diese Kirche als zukünftigenStandort für das Diözesanarchiv des Bistums Essen identifiziert. Die Kirche besitzt viele bauliche und architektonische Kriterien, die für ein wirtschaftlich funktionierendes Archiv notwendig sind. Für das Bistum führen wir hier die Projektsteuerung und das Projektmanagement durch. Im Zuge der Baumaßnahmen wird der hallenartige, rechteckige Gebäudekörper komplett entkernt. Auf zwei Ebenen entsteht Platz für zirka zehn Kilometer Akten, die auf einer Stahlkonstruktion mit Rollregalen Platz finden werden. Auf einer bereits vorgerüsteten dritten Ebene ist Platz für weitere drei Kilometer Archivfläche. Die Fertigstellung des Archivs mit Büro- und Besprechungsräumen ist für das Frühjahr 2010 geplant.

Stadthaus Bottrop

Für den überpfarrlichen Bereich der katholischen Stadthäuser ist das Stadthaus Bottrop ein gelungenes Beispiel. Bei diesem Projekt haben wir zunächst eine Gebäudediagnose durchgeführt, die dem Eigentümer und potentiellen Käufern als Entscheidungsgrundlage für weitere Schritte dient. Aus der Diagnose gehen Sanierungsmaßnahmen in unterschiedlichem Umfang und deren Kosten hervor. Bei Bedarf entwickeln wir auch andere Nutzungskonzepte und unterstützen bei der Suche nach Käufern oder Mietern. Die gesamte Gebäudesanierung sowie das Gebäudemanagement können ebenfalls durch HOCHTIEF bereit gestellt werden.

Fingerspitzengefühl und Querdenken: Der Ausblick
Die Leistungspalette von HOCHTIEF deckt den gesamten Lebenszyklus von Grundstücken und Immobilien ab, so dass wir unseren Kunden umfassende und nachhaltige Lösungen anbieten können. Das Bistum Essen ist für uns Key-Accounter. Neben HOCHTIEF Construction - formart ist auch HOCHTIEF Property Management und HOCHTIEF Facility Management in die Prozesse eingebunden.
 
Wir erarbeiten für und vor allem mit dem Bistum und den Kirchengemeinden in vielen Bereichen - wie wir denken – wirtschaftliche aber auch annehmbare Lösungen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die radikalen Einschnitte in den Gemeinden auch positive Neuanfänge sein können. Neben wirtschaftlichen Aspekten, die wir natürlich verfolgen, sind Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit zum Querdenken ausschlaggebend für das Gelingen der Projekte. Für die Gemeindemitglieder geht immer ein wichtiger Lebensabschnitt zu Ende. Mit den nötigen Fachkenntnissen, Einfühlungsvermögen sowie der frühzeitigen Einbindung der Gemeindevertreter versuchen wir dabei zu helfen, dass die Projekte Neuanfänge mit einem positiven Blick in die Zukunft werden.


Autor: Nina Grauting, HOCHTIEF Construction AG formart NRW

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