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Stadtbüro statt Bürostadt – ein architektonisch / immobilienwirtschaftliches Plädoyer für die europäische Stadt Zurück in die Zukunft!
Einst sind aus dem kreativen Chaos mittelalterlicher Handelszentren prosperierende Städte gewachsen. Ein wichtiger Erfolgsfaktor dabei: die Überlagerung unterschiedlichster Funktionen des menschlichen Zusammenlebens. Doch was prägt heute unsere Städte? Können wir mit der Entflechtung von Wohnen, Arbeiten und Erholen wirklich die Anforderungen der Zukunft meistern? Der Universitäts-Professor DI Christoph M. Achammer, der an der TU Wien Industriebau und interdisziplinäre Planung lehrt und als Vorstand von ATP Architekten und Ingenieure urbane Räume gestaltet, ist skeptisch. Warum für ihn eine erfolgreiche Zukunft wieder mit Städten verbunden ist, die den Austausch von Ideen und Kontakten auf engem Raum ermöglichen, lesen Sie hier. Erfolgsgeschichte Stadt Städte sind der Idealfall einer Kulturraumverdichtung und ihre Erfolgsgeschichte ist untrennbar mit der Überlagerung von unterschiedlichsten Funktionen menschlichen Zusammenlebens verbunden. Die entscheidenden Veränderungen, die die Stadt im 19. Jahrhundert durch die rasante Industrialisierung und im 20. Jahrhundert mit der Eroberung durch den Individualverkehr erfahren hat, veranlasste Architekten und Stadtplaner an zahlreichen urbanistischen Modellen zur Integration dieser Parameter zu arbeiten. Allen Modellen gemeinsam war der Versuch einer Gliederung in Sektoren oder Zonen, um die damals extremen Umweltbelastungen, die die industrielle Produktion verursachte, möglichst von den Wohngebieten fern zu halten. Trotz dieses engagierten sozialen Anliegens forderten viele Modelle die „Ansiedlung der Unterschicht“ in Industrievororten, um die Distanz zwischen Wohnen und Arbeiten so gering wie möglich zu halten. Wohngebiete für Mittel und Oberschicht sollten in Subzentren und Satellitenstädten Platz finden.
Charta von Athen Den nachhaltigsten Einfluss dieser Modelle haben zweifellos die Ergebnisse der CIAM Bewegung mit ihrem zentralen Dokument, der Charta von Athen 1933, auf die weitere Entwicklung, vor allem der europäischen Stadt, ausgeübt. Der rationale Ansatz einer konsequenten Entflechtung von Wohnen, Arbeiten, Erholen und Bewegen führte in vielen Umsetzungen zu autogerechten monofunktionalen Zonen, die in sich als perfektionierte Organe operieren und dabei den faszinierenden Organismus Stadt in mehrfacher Weise ruinieren. Die bis in die Jetztzeit nachwirkenden Stadtstrukturen haben die gleichen Defizite – ungeachtet des politischen Systems, in dem sie realisiert wurden: Fehlende identitätsstiftende stadträumliche Beziehungen werden kompensiert durch künstliche Innenwelten auf der grünen Wiese. Die Kreativität anregende Nachbarschaft von chaotischer Stadt weicht monofunktionalen Büroquartieren. Das dem heutigen Leben viel eher entsprechende Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten wird ersetzt durch verdichtete Massenquartiere oder Teppichsiedlungen von Einfamilienhäusern.
Natürlich bedient sich der „seelenlose“ Markt der Immobilienwirtschaft dieser Möglichkeiten und geht den planerisch einfachen, kostengünstigen und baurechtlich problemlosen Weg. Aber die Wirklichkeit schlägt zurück. Hohe Leerstände in relativ neuen Immobilien und der verstärkte Nutzerwunsch nach anderem Ambiente zeigen die Richtung. Aber immerhin: Der Handel geht voran – vorerst noch vielfach mit der falschen Methode, die gleichen autistischen Konzepte einfach in die Innenstadt zu setzen. Und die Büros werden folgen. Natürlich müssen viele lieb gewonnene Rahmenbedingungen neu gedacht werden und in die gelebte Praxis einfließen. Ein paar Beispiele unter vielen:
Die Integration von Wohnen – nicht nur von Mietwohnen in multifunktionale Gebäude – wird ohne drastische Änderung der überholten „Schutzgesetze“ für Mieter und Wohnungseigentümer die Immobilienwirtschaft nicht wirklich motivieren, bei dieser Entwicklung voran zu gehen. Die derzeitige Gestaltung von Anlageprodukten ist alles andere als geeignet, Investoren für so „komplizierte“ urbane Produkte zu finden. Die geltenden Raum- und Bauordnungen orientieren sich natürlich an der weniger komplexen Aufgabe, monofunktional genutzte Gebäude haarklein zu reglementieren. Der Grund: Urbanes Über- und Nebeneinander erfordert viel mehr gegenseitige Kompromisse – und ist ergo dessen schwerer zu reglementieren.
Austausch von Ideen und Kontakten Aber seien wir ehrlich. Fortschreitende Urbanisierung bei gleichzeitiger weiterer Verkleinerung der Haushaltsgrößen schreit laut nach urbanen Strukturen, die den Austausch von Ideen und Kontakten auf engem Raum begünstigen. Immerhin leben über 80 Prozent der Bundesbürger in Städten und über 70 Prozent in Ein- oder Zweipersonenhaushalten. Alle Trends des heutigen Lebens wie z.B. „Arbeite wo und wann Du willst“ sowie die zunehmende Notwendigkeit des fließenden Übergangs von Arbeiten und Freizeit, um die entscheidenden Wachstumsmotoren Produktivität, Innovation und Zusammenarbeit anzutreiben, bereiten den Markt für diese urbanen Strukturen. Nicht umsonst werden noch immer drei Viertel aller wichtigen Erfindungen bei zufälligen Begegnungen in nicht dafür vorgesehenen Räumen gemacht.
Prof. Christoph M. Achammer
| Autor: Univ.-Prof. DI Christoph M. Achammer, Architekt, Vorstand, ATP Architekten und Ingenieure |
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