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Die Real Estate Industry darf nicht wartenWer den Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ mit Friedensnobelpreisträger Al Gore gesehen hat, versteht: Alles wird anders werden. Ausgelöst von dem alles dominierenden Anliegen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, werden sich neue Strukturen um die Prozesse bilden. Und dabei steht die Real Estate Industry, zu der auch die Ver- und Entsorger sowie die Bauzulieferer gehören, mitten im Rampenlicht. Für Gitta Rometsch, geschäftsführende Gesellschafterin der Bernd Heuer Dialog GmbH, steht fest, dass bald nicht nur die Gesetze aus Brüssel, sondern auch die Gesetze des Marktes die Real Estate Industry zu nachhaltigem Denken und Handeln zwingen werden. Und das durchaus zum Vorteil für die deutsche Immobilienwirtschaft – denn die Chancen stehen gut, zumindest hinsichtlich der Qualität die globale Marktführerschaft zu übernehmen. ![]() Entgegen der landläufigen Einschätzung, dass Industrie und Verkehr den höchsten Energiebedarf haben, wird für und in Immobilien noch mehr Energie verbraucht. Mit ungefähr 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs liegen die Gebäude an der Spitze – zirka die Hälfte davon entfällt auf Gewerbeimmobilien. Unter Einbindung von Industrie und Verkehr gehen von Städten 75 bis 80 Prozent des CO2-Ausstoßes aus. Die Real Estate Industry steht vor einer globalen Herausforderung, denn gerade in Städten sind Maßnahmen zur Einsparung von Energie und Emissionen besonders wirksam. Werden wir uns bewusst: Bis 2030 werden die Emissionen um 62 Prozent zunehmen. Der Weltenergiebedarf wird um 60 Prozent steigen und die Weltbevölkerung um 31 Prozent auf acht Milliarden anwachsen. Bis 2030 werden neue Städte für ca. zwei Milliarden Menschen entstehen. (Quelle: World Energy Outlook 2004) ![]() Umweltschutz und Energieeffizienz erobern die Baustellen der Welt und es sind die Öko-Labels, die den Wettbewerb dominieren. Beim Blick hinter die Kulissen wird deutlich, dass nicht nur die Gesetze aus Brüssel, sondern auch das Kapital die Real Estate Industry zu nachhaltigem Denken und Handeln zwingt. Künftig werden Immobilienunternehmen die Verantwortung für mehr Nachhaltigkeit auch organisatorisch verankern müssen. Das ÖKO-Label „LEED“ aus Amerika, das für „Leadership in Energy and Environmental Design“ steht, bietet Silber-, Gold- und Platinstandards. Auch in Deutschland wird an Effizienz-Zertifikaten gearbeitet. Schließlich nimmt Deutschland bei der Entwicklung urbaner Technologien einen Spitzenplatz ein. Die Umsatzprognose in diesem Bereich bis 2030 zeigt, dass die Umwelttechnologie den Fahrzeug- und Maschinenbau weit hinter sich lassen wird. Ein Spielfeld also, auf dem Deutschland eine Chance auf die globale Marktführerschaft hätte. Doch wo sind die Pilotprojekte, die zeigen, dass deutsche Städte in der Lage sind, alle Bestandteile der Versorgungskette von der Energieerzeugung bis zum Verbrauch konsequent aufeinander abzustimmen? Für das spektakulärste Projekt sorgte bei der diesjährigen MIPIM Abu Dhabi. Das Land will die erste CO2-freie Stadt der Welt bauen und hat dafür Lord Norman Foster engagiert. Fast ebenso spektakulär sind die Aktivitäten der EnBW in SYNIA, China. Die EnBW EnyCity wird zum weltweit beachteten Exempel für die integrierte Planung der Energieversorgung einer ganzen Stadt unter Einbeziehung modernster und bewährter Technologien. Und im eigenen Land? – Noch bewegt sich die deutsche Real Estate Industry auf dem Niveau einzelner optimierter Insellösungen, reduziert auf die singuläre Gebäudebetrachtung. Allerdings entstehen in Deutschland, anders als in Abu Dhabi oder in China, nicht ganze Städte neu. Wir haben es eher mit Stadtquartieren zu tun, die auf industriellen Brachflächen entstehen. Doch nur wenige Planungen gehen hier vergleichbar fortschrittliche und innovative Wege wie beispielsweise der Bonner Bogen. Dort ist es ein Privatinvestor, der ein größeres städtisches Entwicklungsareal mit einer der größten Geothermieanlagen Europas versieht. Doch was ist zu tun, damit die wenigen guten Beispiele zur Regel werden? Wenn sich die Prozesse rund um die Gestaltung unserer Städte verändern, könnte es sogar gelingen, die Weltmarktführerschaft zu erreichen – zwar nicht in Größe, dafür aber in Qualität. Dies bedingt, dass Green Building, Urban Technologies und Kapital zusammen wachsen. Stadtplaner, Architekten, Bauingenieure, Finanzierer, Investoren, Soziologen und Juristen sind die Moderatoren für die Zukunftsfähigkeit der Stadt. Alle am Stadtumbau Beteiligten müssen künftig hinterfragen, welcher Mehrwert beim Nutzer vor dem Hintergrund der beschriebenen globalen Herausforderung ankommt. Der Beitrag für die Umsetzung der Nachhaltigkeit muss also vernetzt und integriert erfolgen, unter Einbindung der Ver- und Entsorger sowie der Bauzulieferer. Damit die Strukturen von morgen dies ermöglichen, brauchen wir Schlüsselqualifikationen, Interdisziplinarität, Prozesssicherheit sowie systemübergreifende Teams. Das wurde von den Mitgliedshochschulen der Initiative agenda4 erkannt und in eine neue Generation von Ausbildung umgesetzt. Doch brauchen wir jetzt entschlossene Manager, die bereit sind, in ungewohnten Teamkonstellationen ganzheitlich getriebene Ziele voran zu bringen. Die Botschaft muss lauten: Die Real Estate Industry darf nicht warten, bis die Ausbildungspläne für die Next Generation wirken. Wir müssen jetzt anfangen, eine bessere Qualität unserer Städte, unserer Produkte, unserer Umwelt und des Lebens zu denken, zu planen und umzusetzen – und dies darf durchaus als „eine Flucht in die Qualität“ verstanden werden.
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