Heuer Dialog

INSIGHT Nr. 4, Dezember 2010

Ausgezeichnete Quartiere – auf zertifizierte Gebäude folgen zertifizierte Stadtquartiere!

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Gregor C. Grassl, Stadtplaner und Architekt, Drees & Sommer
 
Unsere Welt muss nachhaltiger werden, aber wie? Die Immobilienbranche hat hierauf mit Zertifikaten für Gebäude und mit grünen Immobilienfonds geantwortet. Der Gesetzgeber hat mit verschärften Energieanforderungen reagiert. Doch macht ein Green Building auch auf der „Grünen Wiese“ Sinn? Und reicht ein Nullenergiegebäude als Beitrag zum Umweltschutz, auch wenn die Bewohner zur Arbeit, zur Schule und zum Einkaufen das Auto brauchen?
 
Gregor Grassl, Stadtplaner und Architekt bei Drees & Sommer, erläutert für Sie in INSIGHT die neue Möglichkeit der Zertifizierung von Stadtquartieren.


Vorbild für die Zertifizierung von Stadtquartieren ist die Erfolgsgeschichte der Nachhaltigkeitsbewertung für Gebäude durch die internationalen großen Zertifizierungsorganisationen. So haben das us.-amerikanische Leadership in Energy & Environmental Design (Leed), die britische Building Research Establishment Environmental Assessment Method (Breeam) und die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) die große Nachfrage am Markt aufgenommen und Zertifikate für Stadtquartiere entwickelt. Kommunen standen bisher oft vor der Frage, was sind die wichtigen Indikatoren für eine nachhaltige Quartiersentwicklung. Flächenentwickler klagten über unterschiedlichste zusätzliche Anforderungen an Nachhaltigkeitskriterien der Städte. Und Investoren fehlte ein griffiges und anerkanntes Label zur Vermarktung.

Von einer Quartierszertifizierung profitieren alle Beteiligten stark, egal ob Kommune, Entwickler oder Nutzer.


Bisher sind Quartiersentwicklungen ein oft langwieriger und teilweise unberechenbarer Prozess. Die Kommune steht mit Ihrer Planungshoheit einem Entwickler mit seinem Marktwissen und Kapital gegenüber und der Nutzer ist meist außen vor. Je nach Markt und Standort kann die Kommune oder der Investor die Forderungen zu seinen Gunsten stellen. Mit der Zertifizierung wird ein neutraler Dritter, die Zertifizierungsorganisation ins Boot geholt. Und plötzlich ist das Ziel das Projekt auf Goldkurs zu bringen und nichtmehr nur seine eigenen Interessen durchzusetzen.

Die erfolgreich durchgeführten Evaluierungs- und Pilotprojekte zeigen dabei, dass es sich für alle lohnt. Die Stadt kann Ihre politisch geforderten Klimaziele erreichen und mit einer Ökobilanz nachweisen. Der Flächenentwickler profitiert von einer schnelleren Abwicklung und einem geringerem Entwicklungsrisiko. Der Investor kann mit einem am Markt vergleichbarem und anerkanntem Label werben. Und der Nutzer freut sich über eine gute Infrastruktur, geringe Nebenkosten und eine hohe Lebensqualität in seinem Quartier.

Je nach Zertifizierungssystem werden die Anforderungen im Projekt abgefragt und mit fundierten Benchmarks verglichen und bewertet. Das System der DGNB besitzt dabei einen sehr umfassenden und ausgewogenen Kriterienkatalog. Es wird auf ökologische, ökonomische und sozio-kulturelle Belange ebenso eingegangen, wie auf technische und prozessabhängige Qualitäten. Neben der Gesamtbewertung in Bronze, Silber und Gold wird jedes Kriterium einzeln ausgewertet. So kann jeder Beteiligte aus den zahlreichen Nachhaltigkeitskriterien das für Ihn entscheidende überprüfen und auf einem Blick feststellen ob sein Quartier zum Beispiel niedrige Lebenszykluskosten, eine gute Nahversorgung, eine gute ÖPNV-Anbindung oder ein angenehmes Stadtteilklima besitzt.
 
Visionäre Masterpläne – wer träumt nicht von der nachhaltigen Stadtentwicklung?

Die Praxis der Stadtplanung und Quartiersentwicklung hat immer wieder gezeigt, dass weder futuristische Ansätze für „Idealstädte“ noch übertrieben visionäre Masterpläne eine Garantie für Erfolg und Nachhaltigkeit eines Projektes sind. Die visionären, idealistisch geprägten Quartiere von gestern sind oft die Brennpunkte einer Stadt von heute.

Quartierszertifikate sind kein neues Rezept für Stadtplaner, sondern ein Bewertungsinstrument das im grünen Vermarktungs-Dschungel Transparenz und Akzeptanz schafft. Drees & Sommer hat einige Projekte in der Evaluierungsphase der DGNB mit einem Green Development Management (GDM) betreut. Dabei haben die beteiligten Planer die Denkanstöße und Verbesserungsvorschläge aus dem Nachhaltigkeitsmanagement als große Hilfe verstanden und in Ihre individuelle Masterplanung aufgenommen.

So konnten frühzeitig Kriterien in die Planung integriert werden, welche später nur mit großer Anstrengung und Mehrkosten realisiert werden könnten. Bei allen Untersuchungen, egal ob zur CO2-Reduktion, der E-Mobilität oder der Verbesserung der sozialen Infrastruktur, die Wirtschaftlichkeit der Maßnahme wurde immer mit berücksichtigt. Mit einem guten Green Development Management kann mit einem realistischen Budget ein Optimum an Nachhaltigkeit im Projekt erreicht werden.

Visionäre Masterpläne gibt es genug, eine gekonnt eingesetzte Zertifizierung sorgt hingegen dafür, dass aus einer Vision Realität wird.

Der Konkurrenz einen Schritt voraus …


Bei der Zertifizierung von Gebäuden war das Ausland mit ersten Zertifikaten Anfang der 90er Jahre den Deutschen weit voraus. Mit der Gründung der DGNB im Jahr 2007 konnte Deutschland seine unbestrittene Vorreiterrolle im Bereich des Nachhaltigen Bauens auch mit einem eigenen Label sichtbar nach außen kommunizieren.

Im Bereich der Quartierszertifizierung bringt die DGNB nun nicht nur ein inhaltlich weiterentwickeltes Zertifizierungssystem der sog. „Zweiten Generation“ auf den Markt. Vielmehr ist mit der seit kurzem offiziell geöffneten Anmeldung für Projekte zur Pilotphase für Stadtquartiere eine fast parallele Entwicklung zu den ausländischen Systemen erfolgt.

Wir alle kennen die Slogans der neuen Stadtquartiere, Sie alle werben bereits mit grün, nachhaltig und lebenswert. Doch es ist fraglich wie lange solche Werbesprüche in der Vermarktung ausreichen werden. Einige Projekte sind bereits einen Schritt weiter. An der Evaluierungsphase der DGNB nahmen ca. 30 Projekte aus Europa teil und 12 davon präsentierten sich auf der  Nachhaltigkeitsmesse Consense 2010 in Stuttgart.

Nun bleibt es spannend welche Projekte voraussichtlich auf der Consense 2011 nach den Abschluss der Pilotphase der DGNB mit den ersten Zertifikaten für Stadtquartiere ausgezeichnet werden.

 


 
Der Autor:
Gregor C. Grassl, Drees & Sommer
Drees & Sommer betreut bereits seit über 10 Jahren nachhaltige Quartiersentwicklungen im In- und Ausland mit einem Interdisziplinären Team vom Stadtplaner und Energieberater bis zum Immobilienökonom. Als Arbeitsgruppenleiter für Stadtquartiere bei der DGNB und durch internationale Projekterfahrung ist Herr Grassl ein anerkannter Experte für Quartierszertifizierung.
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