Heuer Dialog

Fehleinschätzungen und verpasste Chancen im Umgang mit einer bedeutenden urbanen Kraft: Migranten

Wer nicht hinsieht, ist selbst schuld – Millionen von Migranten in Deutschlands Städten sind ein enormes, vielschichtiges Potenzial, gelten aber vor allem als Problem. “Die etablierte Immobilienwirtschaft verdrängt es lieber, statt es zu heben. Wenn sie sich das leisten kann, gut. Wenn nicht, sollte sie sich schleunigst damit beschäftigen,“ sagt Thomas Perry, Director Research & Consulting bei Sinus Sociovision. Die Spezialisten für psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung und Beratung haben nun die Lebenswelten der Migranten genauer untersucht. INSIGHT-Leser erhalten hier exklusiv die wichtigsten Fakten, bevor die Daten im Dezember der Öffentlichkeit vorgestellt werden!

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen: In Deutschland leben und wohnen mittlerweile 15,3 Mio. Personen mit Migrationshintergrund, das sind 18,3% der Bevölkerung (Statistisches Bundesamt, 2007). Die Konsequenz liegt auf der Hand: Migranten spielen eine bedeutende Rolle im Immobilienmarkt und für die Gegenwart und Zukunft unserer Städte.

Das Forschungsprogramm

Die Diskussion über die Konsequenzen aus diesem Befund wird zwar vehement geführt, erschöpft sich aber häufig in ethnischen und religiös-kulturellen Stereotypen. Gemeinsam mit einigen Kunden (z.B. vhw Bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung sowie das BMFSFJ) hat Sinus Sociovision deshalb ein Forschungsprogramm aufgelegt, um dieses wichtige Thema auf neue Art zu beleuchten.

Die Spezialisten nutzten dafür den Milieuansatz, mit dem sie bereits vielfältige internationale Erfahrungen sammeln konnten. Diese haben immer wieder gezeigt, dass sich Menschen mit ähnlichen Grundwerten und lebensweltlichem Hintergrund über nationale und kulturelle Grenzen hinweg häufig besser verstehen als mit ganz anders denkenden Milieus aus der eigenen Herkunftskultur.

Wenn dies international gilt, liegt der Schluss nahe, dass es unter den Bedingungen eines gemeinsamen Einwanderungslandes mindestens genau¬so gilt. So entstand die Basishypothese von den Ethnien-übergreifenden Migranten-Lebenswelten in Deutschland. Trifft sie zu, bietet sich damit ein ganz neuer, nicht mehr nur ethnisch zentrierter Zugang zu einer großen, bisher aber unterbelichteten Zielgruppe an.

Die acht Migranten-Milieus

Der erste Teil der Grundlagenstudie war konsequent qualitativ-psychologisch angelegt. In mehrstündigen Interviews mit mehr als 100 Migranten in ihrer privaten Umgebung explorierten die Berater im Jahre 2007 Grundorientierungen, persönliche Sichtweisen, Motive und Erfahrungen. Sinus Sociovision dokumentierte Wohnungseinrichtungen, Wohnumfelder und Einstellungen zum Wohnen, um sehen und illustrieren zu können, wie Werte, Motive, Ziele und Einstellungen mit der Gestaltung der Lebensumgebung korrespondieren.

Die Ausgangshypothese wurde eindrucksvoll bestätigt: Bei Migranten aus unterschiedlichen Herkunftskulturen finden sich gemeinsame lebensweltliche Muster. Faktoren wie ethnische Zugehörigkeit, Religion und Zuwanderungsgeschichte beeinflussen natürlich die Alltagskultur und den kulturellen Hintergrund, sind letzten Endes aber nur selten milieuprägend und identitätsstiftend. Die Forscher identifizierten insgesamt acht Migranten-Milieus mit jeweils ganz unterschiedlichen Lebensauffassungen und Lebensweisen, die auf der Basis der Studieninhalte gut beschrieben werden konnten.

Das komplette Forschungsprogramm

Im zweiten Schritt untersuchte Sinus Sociovision in diesem Jahr die Erkenntnisse und Hypothesen der qualitativen Grundlagenstudie auf der Basis einer repräsentativen Stichprobe von über 2.000 Migranten quantitativ. Das Modell der Migranten-Milieus wurde validiert und mit Daten für Märkte und zu vielen Themen unterfüttert. Die Datenanalyse ist abgeschlossen, die Ergebnisse werden nun im Dezember der Öffentlichkeit vorgestellt.

Migranten: Eine unterschätzte, oft zahlungskräftige Zielgruppe

Die Studie erweitert die bislang vorherrschende Betrachtungsweise von Migranten in Gesellschaft und Wohnungsmarkt massiv. Bei Analysen zur Situation dieses Personenkreises auf dem Wohnungsmarkt und in den Städten werden Migranten bislang typischer Weise fast ausschließlich als negativ konnotierte soziale Randgruppe betrachtet – zu Unrecht, wie die Ergebnisse zeigen. Sie sind in beträchtlichen Teilen eine attraktive Zielgruppe: Durchaus zahlungs¬kräftig, oft am Erwerb von Wohneigentum interessiert, aber eben auch mit eigenen Interessen und Vorstellungen.

Die Migranten-Milieus bieten völlig neue Möglichkeiten und Ansätze zur Differenzierung, um die Zielgruppe der Menschen mit Migrationshintergrund mit Blick auf Wohnungsmarkt und Stadtentwicklung erfolgreich zu segmentieren. Damit verbunden sein wird auch eine Neubewertung der Chancen und Risiken. „Wir sind uns sicher, dass es unterbewertet ist. Allerdings: Wer die Potenziale heben will, wird sich intensiv mit ihnen beschäftigen müssen. Die Daten unseres Forschungsprogramms bieten dafür nun eine empirisch gesicherte Grundlage. Denn wer die Unterschiede begreift, kann Chancen besser erkennen. Möglich ist das. Aber von selbst passiert es nicht,“ so Thomas Perry.
 
 
Kontakt:
Thomas Perry
Director Research & Consulting
Sinus Sociovision GmbH
Tel.: 06221-808946
Mail: thomas.perry@sociovision.de
http://www.sinus-sociovision.de

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