Heuer Dialog

INSIGHT Nr. 2, Juli 2011

Die Null-Emissionsstadt bis zum Jahr 2050 –
ein regionalwirtschaftlicher Planungs- und Entwicklungsansatz

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Dr. Ralf Schüle

 Die europäische und nationale Stadtentwicklungspolitik hat mit der "LEIPZIG CHARTA zur nachhaltigen europäischen Stadt“ auch Energieeffizienz und Klimaschutzziele für die Stadtentwicklung formuliert. Klimaschutz ist daher mittlerweile ein zentraler Baustein der integrierten Stadtentwicklung: stadtklimatische Bestandsaufnahmen und Verbesserungen im Rahmen der Quartiers-Entwicklung sind gefordert. 

Anhand einer Potenzialstudie für München und der CO2-freien Siedlung »In der Rehre« in Hannover erläutert Dr. Ralf Schüle, Programmleiter “Klimaschutz und Anpassung in der nachhaltigen Stadt- und Siedlungsentwicklung” beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, den regionalwirtschaftlichen Planungs- und Entwicklungsansatz der Null-Emissionsstadt.
Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse des IPCC-Weltklimaberichts aus dem Jahr 2007 haben die EU-Umweltminister das Ziel formuliert, den Treibhausgasausstoß in der EU um 80-95% bis zum Jahr 2050 zu reduzieren. Das stellt auch den Klimaschutz auf kommunaler Ebene vor die Herausforderung, in einer langfristigen Perspektive anspruchsvolle Reduktionspfade zu verfolgen. Eine konsequente Orientierung am Ziel der CO2-Freiheit eröffnet Städten und Gemeinden große Chancen: Durch einen grundlegenden Umbau der Gebäude- und Energiestrukturen können Energiekosten für die Stadt, ihre Bürger und Unternehmen vermieden und starke (regional-)ökonomische Impulse gesetzt werden. Zudem wird ein Beitrag dazu geleistet, die Städte dauerhaft lebenswert zu erhalten. Europäische Studien zeigen für forcierte Strategien im Bereich Klimaschutz und Energieeffizienz erhebliche Arbeitsplatzpotenziale für die Zukunft auf. (Fraunhofer-ISI u.a.2009, ifeu u.a.2009)

Eine sehr weitgehende Studie zeigt am Beispiel München die Möglichkeit einer nahezu vollständigen CO2-Emissionsfreiheit bis zum Jahr 2058 in einer gesamten Stadtregion auf. (Lechtenböhmer u.a. 2009) Die größten Hebel zur Minderung der Emissionen sind dabei die Wärmedämmung der Gebäude, der Einsatz effizienter Kraft-Wärme-Kopplung, sparsamer Elektrogeräte und Beleuchtungssysteme sowie die regenerative und CO2-arme Energieerzeugung.


Abbildung 1    CO2-Emissionsminderung in München

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Quelle: Lechtenböhmer (2009)    Wuppertal Institut


Zudem zeigt die Studie, dass sich bereits über einen relativ kurzfristigen Zeitraum von 25 bis 30 Jahren einzelne CO2-arme Stadtteile verwirklichen lassen, auch unter Einbeziehung des Verkehrssektors. Dabei decken die eingesparten Kosten bei der Wärmeversorgung langfristig die Kosten der energetischen Optimierung. Weitere Emissionsminderungen könnten potenziell erzielt werden, wenn ein weitgehender Ersatz von fossilen Heizenergieträgern (Gas, Öl und Strom) mit gasbetriebenen Mikro-KWK-Anlagen, Holzpelletheizungen und Wärmepumpen erfolgt. Auch der Anschluss möglichst vieler Gebäude an ein durch Geothermie gespeistes Fernwärmenetz erschließt weitere große Potenziale.

Was für München als Potenzialstudie vorliegt, wird seit Anfang 2011 in Hannover im Neubaugebiet »In der Rehre« bereits umgesetzt. Über dreihundert neue Wohneinheiten in Form von Reihen-, Doppel- und freistehenden Einfamilienhäusern sollen durchweg im Passivhausstandard realisiert werden. (Stadt Hannover 2010b) Da die verbleibenden Restemissionen nur i-n begrenztem Umfang innerhalb der Siedlung vermieden werden können, ist beabsichtigt, die Käufer an externen Anlagen zur regenerativen Energieerzeugung finanziell zu beteiligen, um so die Siedlung emissionsfrei zu gestalten. Das Energieversorgungskonzept sieht unter anderem vor, die Wasserkraftanlage »Döhrener Wolle« an der Leine zu reaktivieren. (Stadt Hannover 2010a) Da in dem Bebauungsplan nur wenige Maßnahmen zur CO2 Minderung rechtlich verankert werden können, werden die vorgenannten Ziele auf Basis privater und städtebaulicher Verträge mit den Bauträgerinnen und Eigentümern durchgesetzt.

Die Siedlungsentwicklung soll für den städtischen Haushalt Kosten deckend erfolgen. Die Flächen und Grundstücke sollen im Rahmen der Umlegung erschließungsbeitragsfrei zugeteilt werden. Anfallenden Kosten für den Gebietsausbau stehen die Einnahmen aus den Veräußerungen der Baugrundstücke gegenüber. (Stadt Hannover 2010a)

Abbildung 2    CO2-freie Siedlung »In der Rehre«, Hannover

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Quelle: www.hannover-erleben.de
Wuppertal Institut


Forcierte Klimaschutz-, Energieeffizienz- und Ressourceneffizienzstrategien machen regionale Wirtschaftspolitiken nachhaltiger. Die Perspektive einer Null-Emissionsstadt bis zum Jahr 2050 bietet die Möglichkeit eines übergreifenden regionalwirtschaftlichen und planerischen Entwicklungsansatzes.


Literatur

Fraunhofer-ISI et al. - Fraunhofer Institut für System und Innovationsforschung, und Ecofys (2009). The impact of renewable energy policy on economic growth and employment in the European Union. http://ec.europa.eu/energy/renewables (17.05.2010)

ifeu et al. - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, Gesellschaft für wirtschaftlichen Strukturwandel, Prognos AG (2009). Klimaschutz, Energieeffizienz und Beschäftigung. Potenziale und volkswirtschaftliche Effekte einer ambitionierten Energieeffizienzstrategie für Deutschland. Heidelberg, Karlsruhe, Osnabrück, Berlin 2009 www.ifeu.de (10.06.2010)

IPCC  - Intergovernmental Panel on Climate Change (2007). The Fourth Assessment Report

Lechtenböhmer, Stefan; Dieter Seifried, Kora Kristo u.a. (2009). Sustainable Urban Infrastructure: Ausgabe München. Wege in eine CO2-freie Zukunft. München: Siemens AG, 2009. www.siemens.com (10.06.2011)

Stadt Hannover. Fachbereich Planen und Stadtentwicklung (2010a): Begründung mit Umweltbericht. Bebauungsplan Nr. 1522 – In der Rehre/Süd

Stadt Hannover. Fachbereich Planen und Stadtentwicklung (2010b): Konzeptzusammenfassung für eine Klimaschutzsiedlung „In der Rehre“. Anlage zur Begründung Bebauungsplan 1522 – In der Rehre – Süd

 


Autor:

Dr. Ralf Schüle
Programmleitung “Klimaschutz und Anpassung in der nachhaltigen Stadt- und Siedlungsentwicklung”
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
www.wupperinst.org


Veranstaltungshinweis:

Sie treffen Dr. Schüle und weitere Experten zum Thema "Grüne und mobile Städte" am 12. Juli 2011 beim Standort-Dialog in Düsseldorf. Hier ein Auszug aus der Agenda:

 Grüne und mobile Städte

    Green Cities
    Klima- und Ressourcenschutz als Faktor für Standortentwicklung und Stadtmarketing
    Dr. Ralf Schüle, Programmleitung “Klimaschutz und Anpassung in der nachhaltigen Stadt- und Siedlungsentwicklung”,
    Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie


    Klimaschutz in Düsseldorf
    Stefan Wenzel, Umweltamt, Landeshauptstadt Düsseldorf

    Neue Stadtmobilität(en) = neue Büroqualität(en)
    E-Mail schreiben allein schafft keinen Mehrwert
    Andreas Schulten, Vorstand, BulwienGesa AG

 

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