Heuer Dialog

„Man isst, wo man ist!“ Gastronomie – das öffentliche Wohnzimmer der Gesellschaft


Gretel Weiß
food-service
 
Gastronomie: Eine Branche, die im Mieter-Mix für viele Immobilien elementar und zudem eine Branche, für die der Standort hochgradig erfolgsrelevant ist. Gretel Weiß, Chefredakteurin und Herausgeberin der Wirtschaftsfachzeitschrift food-service wirft für INSIGHT einen Blick auf die Top 100 und das Wachstumsmuster der Profi-Gastronomen in Deutschland: „ Alles konzentriert sich dabei auf das optimale Zusammenspiel der verschiedenen Funktionen unseres Alltags. Kurz gesagt: „Man isst, wo man ist.“



Ein Blick auf die deutschen Marktführer

Hotellerie und Gastronomie – eine Branche? Ja und nein! Fest steht, ihre Ansprüche an den Immobilienmarkt sind komplett verschieden. Am besten zeigt sich dies bei einem Blick auf die deutschen Marktführer in der jeweiligen Disziplin: Da steht im Beherbergungsgeschäft Accor an der Umsatz-Spitze mit rund 300 Häusern in den verschiedenen Vertriebslinien. In der Gastronomie ist McDonald’s Markführer und das schon seit 1982: über 1.300 Restaurants, davon etwa drei Viertel freistehende Gebäude mit Autoschalter und knapp drei Milliarden Euro Jahresumsatz im letzten Geschäftsjahr. Ein kraftvoller und aktuell sehr kreativer Marktführer. Systeminnovation wird groß geschrieben – und das hat praktisch immer auch etwas mit Immobilienansprüchen und -nutzung zu tun.

Was Gastronomie so fundamental von Hotellerie unterscheidet, ist die Tatsache, dass hier Umsatz und Erfolg hauptsächlich an private, lokale Nachfrage geknüpft sind. Beim Bettengeschäft ist es meist der Geschäftsmann, aber immer der Reisende, der das Geld in die Kassen bringt. Kurzum: Die Vernetzung der beiden Teilbranchen im Gefüge von Entwicklungsprojekten und Städten unterscheidet sich sehr.

Top 100: Am meisten Expansion bei Quickservice
 
R
Vj
Name
Umsatz, Mio. € *
Units
11
McDonald's
2.909,01.361
2
2Burger King*
765,0700
33LSG
670,019
44
Tank & Rast*
595,0389
5
5Nordsee
297,5351
6
7Subway*230,0798
76Metro*
185,0196
89Ikea
173,045
911SSP
171,0301
10
10Aral/Petit Bistro 169,81.080
  Top 10
6.165,3 5.240
  Top 100
10.390,7
16.751
* Schätzwert
Quelle: food-service

 
 
Die 100 größten Gastronomen Deutschlands erzielten im jüngsten Geschäftsjahr 10,4 Mrd. Euro Umsatz (+ 1,1 Prozent). Dahinter stehen fast 17.000 Betriebe. Es gelang, die letzten Spitzen-Jahrgänge in absoluten Zahlen leicht zu übertreffen. 2009 war letztlich „besser als befürchtet“. Viele Unternehmen sind mit dem schwierigen Jahr größtenteils klug umgegangen und haben ihre Kraft auf interne Stärkung konzentriert. Das bedeutet System-Optimierung, Mitarbeiter-Weiterbildung und Strategie-Überlegungen pro Zukunft. Auf dass man dann, wenn der Konjunkturmotor anspringt, seine hinzugewonnene Fitness ausspielen kann. „Schnell, wachsam und flexibel sein.“ Vieles deutet darauf hin, dass im zweiten Halbjahr 2010 und 2011 wieder verstärkt expandiert wird. Warum? Weil die private Nachfrage in Deutschland so viel stabiler da steht als in anderen Ländern - und deutlich stabiler als nach dem Kriseneinbruch im September 2008 prognostiziert.

Was bringt die Zukunft? Wer sind die Gewinner und warum?


Die zentralen Fragen in diesen Tagen lauten: Wie wird jener Fortschritt buchstabiert, auf den die Profi-Gastronomie in den nächsten Jahren draufsatteln kann? Wo kommt Wachstumslaune her? Fegt Neues über Altes hinweg oder kooperieren Tradition und Trend?

Neben kulinarischen Entwicklungen – die Esskulturen der Welt rücken immer dichter zusammen, gleichzeitig erlebt heimische Küche einen Höhenflug – sind drei gastro-strukturelle Prozesse hochgradig relevant.

1. Quickservice-Gastronomie ist signifikant besser, vielfältiger und marktbedeutender geworden. Die Spielmacher des sogenannten Außer-Haus-Marktes definieren sich heute nicht mehr als Fast Food, sondern wollen und müssen ’frisch, schnell & schön’ daherkommen. Zwei junge Konzeptkategorien haben sich hier in der Nuller-Dekade kraftvoll eingebracht und gleichzeitig Druck ausgeübt: Kaffeebars/Bakery-Cafés und Fast Casual-Restaurants. Hauptsächlich über neue Formate gelang diesem Milliarden-Teilmarkt eine längst überfällige Image-Korrektur. Will heißen, höhere Werteinstufung, ja mehr Wertschätzung für die komplette schnelle Kategorie.

Wichtigstes Element der Analyse: Quickservice bezieht seine Existenz sowie seinen Erfolg in erster Linie aus modernen Verkaufs- und Vertriebslösungen – zugeschnitten auf unseren urbanen Alltag. Diese Konzept-Kategorie ist viel, viel anpassungsfähiger, anschmiegsamer an veränderte Lebensbedingungen als beispielsweise Fullservice-Restaurants. Und exakt das macht sie so stark und so perspektivenreich. Der Schlüsselbegriff für nächste Erfolge heißt ganz klar Systeminnovation – auch ein Flächen- und Standortthema.

2. Gastronomie ist in Funktion und Charakter wohnlicher geworden. Früher war unsere Branche das öffentliche Esszimmer der Nation. Heute darf sie sich gut und gerne als ihr öffentliches Wohnzimmer fühlen. Die Grundstimmung der Gasträume: signifikant anders als vor zehn Jahren. Und das gilt praktisch für alle Arten von Betriebstypen. Kaum eine Neueröffnung ohne Sessel und Sofas – neben Tischen und Stühlen. Lounge-Möbel sind querbeet – von Fast Food bis Fine Dining – das Einrichtungs-Trendthema Nummer 1 geworden. Selbst bei Burger-Restaurants gilt: Schluss mit nüchterner Funktionalität, es lebe die Emotion, die Farbe, die Kuscheligkeit – der Wohlfühlfaktor.

Parallel: eine wundervolle Demokratisierung von Ästhetik, Stil und Design. 2010 wissen wir, dass Gastlichkeit sogar auf Budget-Niveau nicht zwangsläufig billig und hässlich aussehen muss. Und: Der Garten wird zum Zimmer der Zukunft. Je mehr wir indoors arbeiten, desto größer unser Freizeithunger nach outdoors – das grüne Wohlfühldomizil.

3. Die Festformel der Gesellschaft hat sich verändert. So ist aus Partyservice Event-Catering geworden. Die klitzekleine Nische von einst steht seit Mitte der letzten Dekade als richtiges Marktsegment da. Wichtige Entwicklungshelfer waren, sind und bleiben Sportereignisse – neben guter Konjunktur.
Das Thema lebt auf vielen Ebenen. Der private Partyraum im häuslichen Keller – verstaubt, voll gestellt, abgeschlossen – ist komplett out. In sind öffentliche Ereignisse zur Selbstdarstellung und -entfaltung von uns Menschen. Public Viewing!

Gleichzeitig gilt: Unser Luxusverständnis hat in den letzten fünf bis zehn Jahren einen signifikanten Bedeutungswandel erfahren. Es ist immateriell, persönlicher und legerer geworden. Förmlich & edel, dieses Prestige-Duo war einmal.
Gastronomie als wichtiger Mieter und Betreiber für die Immobilienwirtschaft

Und noch etwas sehr Wichtiges für die Immobilienbranche: Im Unterschied zu manch anderer klassischer Branche kann der gastronomische Wertschöpfungsprozess weder im Internet verschwinden noch in Billiglohnländer exportiert werden. Wir verkaufen kundenpräsenzbedingte Dienstleistungen (so nennt man das wissenschaftlich!) - und da ist die physische Anwesenheit der Gäste zwingend. Will heißen, zukünftig wird Gastronomie als Mieter und Betreiber für die Immobilienwirtschaft sowie als Arbeitgeber für die regionale Wirtschaft deutlich an Wert behalten, wahrscheinlich sogar gewinnen. Ein Potenzial, eine Perspektive!



Autorin:
Gretel Weiß, Chefredakteurin und Herausgeberin der Wirtschaftsfachzeitschriften food-service sowie FoodService Europe & Middle East, Verlagsgruppe Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main.
www.cafe-future.net



Veranstaltungshinweis:
 
Der 1. Deutsche Gastro Immobilien Kongress bietet am 07. und 08. September 2010 eine einmalige Plattform für Gespräche und Geschäfte von Immobilieninvestoren oder -entwicklern und Profigastronomen. Gretel Weiß referiert hier zum Thema "Die Potenziale von morgen: Facts and Figures der größten Gastro-Unternehmen Deutschlands – Megatrends und Lernstoff für 2010+"
Detaillierte Informationen zum Ablauf der Veranstaltung finden Sie im Programm (PDF Download).

Jahres-Abo

Jobs