Heuer Dialog

Gewohnt wird immer, aber wie? Die Siedlung des 21. Jahrhunderts

Wie können in einer Siedlung die Ideen der Gartenstadt mit den neuen demografischen und sozialen Herausforderungen zusammen gebracht werden? Braucht eine multikulturelle Gesellschaft andere Siedlungen? Wie wohnt das Ruhrgebiet? fragen wir Dr. Rolf Heyer, Geschäftsführer von NRW.URBAN. Er blickt zurück auf eine typisch industrielle Siedlungsgeschichte am Beispiel des Ruhrgebietes und schaut zugleich nach vorn in die Zukunft des Wohnens. Wie sieht sie aus, die Siedlung des 21. Jahrhunderts?
 
Wie wohnt das Ruhrgebiet?

Die gewachsene Siedlungsstruktur des Ruhrgebietes wird in der Wahrnehmung der hier lebenden Menschen, aber auch in der auswärtiger Besucher einerseits durch den oft nicht erkennbaren Übergang von einer Stadt zur anderen geprägt. Andererseits nehmen die Menschen aber auch die abgrenzbaren, oft durch Grün- und Freiräume getrennten, aus der dörflich-kleinstädtischen vorindustriellen Siedlungsgeschichte bzw. aus der Boomphase der Gründerzeiten stammenden Strukturen wahr. Man kann sagen: Wohl keiner der deutschen Metropolräume ist so durch das Wohnen in Siedlungen geprägt wie das Ruhrgebiet.

Von den Arbeitersiedlungen zu den Gartenstädten

Es sind zunächst die Arbeitersiedlungen der Montanindustrie in ihren unterschiedlichen Ausformungen. Da fallen die frühen Siedlungen mit einfachen Hausgrundrissen und Nutzgärten auf, oft als Doppelhäuser aufgereiht an schachbrettartigen Straßengrundrissen mit wenigen Plätzen als Aufweitungen des öffentlichen Raums (Oberhausen, Eisenheim; Gelsenkirchen, Flöz Dickebank; Bochum, Deutsches Reich).

Da sind dann als Kumulationspunkt dieser Entwicklung die gartenstädtisch angelegten Großsiedlungen der ersten Jahrzehnte nach der Jahrhundertwende, wie Essen-Margarethenhöhe, Herne-Teutoburgia oder die Dahlhauser Heide in Bochum. Sie haben dann oft schon alle Versorgungseinrichtungen von der Kirche, den Kindergarten, bis zur Schule, dem Laden und der Gaststätte und sind bewusst als Siedlungen geplant und gebaut: Differenzierte Stellungen der oft erstaunlich wenigen Grundtypen der Häuser zur Straße, qualitätvolle Gestaltung der öffentlichen Räume, starke Durchgrünung bei immer großen privaten Gärten.

Nach dem zweiten Weltkrieg folgt dann wieder eine neue Gründerphase, ein neuer wirtschaftlicher Boom. Jetzt entstehen nicht mehr die durch ein Industrieunternehmen gebauten Werkssiedlungen, sondern werden von den Kommunen und kommunalen Wohnungsunternehmen auch Areale für den Eigenheimbau, aber auch diese wieder mit Siedlungscharakter, erschlossen. Diese Siedlungen der 50er und frühen 60er Jahre sind heute geprägt durch starke bauliche Veränderungen der Eigentümer, werden oft nicht mehr baulich als Siedlung wahr genommen.

Sie werden ergänzt um die Wohnsiedlungen der 60er und frühen 70er Jahre, die durch die Unternehmen der Wohnungswirtschaft errichtet werden. Geschosswohnungen mit 2 bis 4 Etagen, viel Grün, das aber nicht mehr als Gartenland genutzt wird, sondern nur noch als „Abstandsgrün“ wirkt.

Hochhaussiedlungen der 70er und 80er

Die Hochhaussiedlungen der 70er und 80er Jahre mit ihrer gewollten, heute aber nachteilig bewerteten Dichte und Höhe, sind sicher im öffentlichen Bewusstsein auch des Ruhrgebietes die Siedlungen mit den meisten sozialen Problemen. Aber gute Beispiele integrierter Sanierungen und Erneuerungen wie der Clarenberg in Dortmund-Hörde belegen, dass auch diese Siedlungen eine neue Modernität und Attraktivität bekommen können, wenn nicht nur das Gebäude sondern die gesamte Siedlung einschließlich des öffentlichen Raumes aufgewertet werden.

Die IBA Emscherpark hat sich in den 90er Jahren dann um Siedlungen mit besonderen bauliche oder sozialen Zielrichtungen verdient gemacht (Solares Bauen in Gelsenkirchen, Bauen auf Brachen der Industrie in Dortmund und Bochum, kostensparendes Bauen, neue Formen des selber Bauens etc.).

Aufwertung des Bestandes – aber wie?

In diesen Siedlungen geht es jetzt um die Erhaltung und Modernisierung des Bestandes, um eine weitere Aufwertung der Wohnungen in energetischer Hinsicht, in einer Anpassung der Grundrisse und Zuschnitte und um eine Verbesserung des öffentlichen Raumes. Mit dem Projekt „Innovation City“ ist dazu ja auch ein weit ausstrahlendes Projekt auf dem Weg.

Es geht aber auch darum, in eine Diskussion über die Siedlung des 21. Jahrhunderts einzusteigen. Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Wie können in einer Siedlung die Ideen der Gartenstadt mit den neuen demografischen und sozialen Herausforderungen zusammen gebracht werden? Sollen wir über kulturell differenzierte Siedlungen nachdenken? Braucht eine multikulturelle Gesellschaft andere Siedlungen? Platz genug haben wir. Erfahrung und beste Beispiele gibt es auch genug.



Zum Schluss noch ein Tipp : Nutzen Sie das Angebot der Route der Wohnkultur im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010!



Autor:
Dr. Rolf Heyer
Geschäftsführer
NRW.URBAN

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