Im Jahre 2050 werden 9,2 Mrd. Menschen auf der Erde leben, das sind 2,5 Mrd. mehr als heute. 75 % davon werden in urbanen Räumen wohnen. Würde jeder Mensch auf der Erde so viel Treibhausgase wie ein durchschnittlicher US-Amerikaner verursachen, dann bräuchten wir 8 Planeten. Lutz Engelke kommt in einem Vortrag, dem diese Feststellung entnommen ist, zu der Bemerkung: „Nachhaltigkeit erfordert ein Marketing für Bewusstseinswandel.“ Es ist nach seiner Meinung 5 vor 12 – im besten Fall.
Wir alle reden von Nachhaltigkeit, aber niemand will sein Leben ändern. Oder auf die Wirtschaft übertragen: Stimmen noch die Paradigmen der Real Estate Industry, um Lösungsansätze, die bekannt sind, in die Wirklichkeit umzusetzen?
An welchen Benchmarks können sich insbesondere die Kommunen orientieren, um zu einer nachhaltigen Stadt zu kommen?
Beispiele:- Der Rat für nachhaltige Entwicklung hat strategische Eckpunkte für eine nachhaltige Entwicklung in Kommunen erarbeitet. 19 Oberbürgermeister haben sich im Rahmen des Dialogs Nachhaltige Stadt dazu bekannt.
- Die Stadt Tübingen erarbeitete einen Prozess im Dialog zwischen Verwaltung und Bürger, um zu einer nachhaltigen Stadt zu gelangen.
- Die Hansestadt Hamburg ist als Green City ausgezeichnet. Die Siemens AG entwickelte den European Green City Index und liefert Antworten zur nachhaltigen Stadtentwicklung.
- Die 16 Institute der Fraunhofer Allianz Bau bearbeiteten im Schwerpunkt Produkte, Dienstleistungen in umfänglichen Forschungsvorhaben, um der Wirtschaft Lösungsperspektiven aufzuzeigen.
Die zurzeit wohl beste Grundlage stellt die vom Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. vorgelegte Untersuchung
„Zertifizierung in der Stadtentwicklung Bericht und Perspektive“ dar, die unter der wissenschaftlichen Leitung der TU Berlin von Frau Prof. Dipl.-Ing. Pahl-Weber sowie dem Soziologen Prof. Dr. Harald Bodenschatz stand und an der u.a. die Initiative agenda4 mitwirkte.
Aus den Positionen der Kommission für diese gelungene Zusammenfassung zitiere ich folgende Ergebnisse: Im Zentrum möglicher Praxisbeispiele sollte das Thema nachhaltige Quartiersentwicklung stehen. Insbesondere bei der Diskussion um das Anforderungsniveau ist die Verknüpfung ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Aspekte zu betrachten. Wünschenswert ist, dass in Bestandsquartieren neben technischen Fakten auch Daten zur Bewohnerschaft in den Zertifizierungsprozess eingehen.
Die Modellvorhaben sollten unterschiedliche Quartierstypen abdecken, etwa im Bezug auf unterschiedliche Größen von Kommunen, auf ihre Lage im Stadtraum und auf verschiedene Eigentümerstrukturen. Um den Charakter von Stadtentwicklung als gemeinsames Handlungsfeld vieler Akteure zu unterstreichen, sollten die verschiedenen Akteure (Wirtschaft, Kommune, Bürger) in die Modellvorhaben direkt einbezogen werden.
Bei der Entwicklung und Überprüfung des Zertifizierungssystems sollte insbesondere geklärt werden, inwieweit es möglich ist, die in der Kommission formulierten Risiken, Hemmnisse zu minimieren. (Stichworte: Lernen als System, Handhabbarkeit, ausreichende Flexibilität in Bezug auf lokale und regionale Spezifika, Berücksichtigung unterschiedlicher Datenlagen etc.).
Festzustellen ist, dass Öffentliche Hand, Wirtschaft und Wissenschaft am Anfang stehen, um eine Zertifizierung von Stadtquartieren vorzunehmen. Es wird noch ein langer Weg sein, um Standards, die bereits für Gebäude, im Wesentlichen Neubau, existieren, wie z.B. das DGNB, Breeam, Leed, Green Star etc. erarbeitet worden sind. Die größte Herausforderung besteht darin, den Nutzer von Stadtquartieren, im Wesentlichen den Bürger, in die angestrebte Zertifizierung von Stadtquartieren einzubeziehen.
Eine gute Orientierung für diese Problematik stellt die gleichfalls an der TU Berlin erarbeitete Studie
„Stadtentwicklung, Zivilgesellschaft und bürgerliches Engagement“ dar, die in dem Kapitel „Ausblick“ der Frage nachgeht, ob und inwieweit die Initiativbeteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure an solchen Stadtentwicklungsprozessen erfolgreich verläuft. Eine empirisch valide Beantwortung dieser Frage wird letztendlich die Entscheidungsgrundlage dafür bilden, wieweit Stadtentwicklung, Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement legitime Fermente des sozialen Wandels der gesellschaftlichen Entwicklung darstellen.