Heuer Dialog

INSIGHT Nr. 3, September 2011

Pflegelandschaft von morgen – Versorgungsformen, Kunden und Personal


Stefan Strunck
Fraunhofer-Institut IAO 
  Zu Hause ist es am schönsten. Davon sind Pflegebedürftige oft überzeugt. Daher spielen attraktive Pflegeheime, individuelle Angebote und professionelle Fachkräfte eine immer größere Rolle im Altenhilfemarkt. Die Pflegelandschaft von morgen – wie sieht sie aus? Einerseits stellen demographischer Wandel und insbesondere eine alternde und ältere Bevölkerung eine aktuelle Herausforderung dar, die sich in Zukunft weiter verschärfen wird. Auf der anderen Seite gibt es immer weniger Pflegekräfte, welche die Versorgung übernehmen können. Wie dieser Spagat gelöst werden kann, untersuchte das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, Stuttgart. Stefan Strunck, einer der Experten beim 2. Jahreskongress Demographic Challenge, fasst für INSIGHT-Leser die Ergebnisse zusammen.

Demographischer Wandel und insbesondere eine alternde und ältere Bevölkerung stellen eine aktuelle Herausforderung dar, die sich in Zukunft weiter verschärfen wird. Sowohl der Anteil der Pflegebedürftigen an der Gesamtbevölkerung als auch die  absolute Anzahl der Pflegebedürftigen in Deutschland steigen seit Jahren kontinuierlich an. Von 2007 bis 2009 beispielsweise stieg der Anteil der Pflegebedürftigen von 2,7% auf 2,9% womit die Zahl der Pflegebedürftigen um etwa 5% (1) auf insgesamt 2,34 Millionen Pflegebedürftige zunahm. (2)

Eine zentrale Frage, die dadurch im Pflegebereich auftaucht, ist, wie die zunehmende Zahl älterer und pflegebedürftiger Menschen versorgt werden kann, ohne die Bedürfnisse der Kunden zu vernachlässigen und die Lebensqualität einzuschränken.

Veränderungen der Versorgungsformen

Das Fraunhofer IAO erforscht bereits seit 2006 mit Partnern aus dem Altenhilfebereich die Pflegelandschaft von morgen. Im Rahmen dieses Verbundforschungsprojektes »Pflege 2020« wurden beispielsweise zukünftige Kunden und Kundinnen befragt. (3) Ziel der Befragung war es, Kenntnisse über Kundenwünsche an Betreuungs- und Versorgungsleistungen, an Dienstleistungen sowie die finanzielle Bereitschaft zur Inanspruchnahme dieser Leistungen zu erhalten.

Desweiteren wurden im Verbundforschungsprojekt »Pflege 2020« nationale und internationale Experteninterviews geführt und es erfolgte eine Befragung von Trägern der stationären Altenhilfe und Einrichtungsleitungen. (4) Gegenstände dieser Befragungen waren zukünftigen Trends und deren Auswirkungen, Dienstleistungen, Vernetzung, Personalentwicklung und Technik im Altenhilfemarkt.

Die Befragungen zeigten, dass sich viele Kunden von institutionellen Strukturen abwenden. Ein Aspekt dabei ist der Wunsch, möglichst lange in der gewohnten Umgebung versorgt zu werden. Um diesem Wunsch gerecht zu werden, ist es notwendig, Quartierskonzepte zu entwickeln und die regionalen Strukturen (wieder) aufzubauen. Dabei spielen neben den formellen Unterstützungen auch informelle Hilfeleistungen (Nachbarschaftshilfe, Ehrenamt, Familie) eine tragende Rolle. Bestehende stationäre Einrichtungen werden dem Trend der Individualität und Kleinräumigkeit durch eine Umgestaltung ihrer Heime folgen müssen, indem kleinere Wohneinheiten mit Alltagsnormalität angeboten werden.

Als die drei größten Herausforderungen für die Akteure im Altenhilfebereich wurden die Finanzierung, die Zunahme des Wettbewerbs und die Zunahme von Demenzerkrankten genannt. Beispielsweise wird erwartet, dass sich die Zahl der Demenzerkrankten zwischen 85 und 89 Jahren bis 2050 fast verdreifachen wird. (5) Zukünftig müssen somit die kognitiven Erkrankungen stärker bei der Entwicklung von Versorgungskonzepten berücksichtigt werden.

Die Trendstudien haben auch ergeben, dass die Vernetzung des Altenhilfemarktes zukünftig eine wichtige Rolle spielt und dass alternative Wohn- und Versorgungsformen in Zusammenhang mit einer Fülle an Dienstleistungen in Zukunft relevanter werden. In Bezug auf die Personalentwicklung wurde festgestellt, dass insbesondere der Fachkräftemangel als Problem gesehen wird, konkrete Gegenmaßnahmen allerdings bisher nicht getroffen wurden und auch nur geringfügig in Zukunft konkret geplant sind.

Steigender Wettbewerb vor allem bei stationären Pflegeeinrichtungen

Bundesweit ist die Zahl der stationären Pflegeeinrichtungen von 2007 auf 2009 um 5,5% auf 11.634 weiter gestiegen. Die verfügbaren Plätze stiegen im gleichen Zeitraum um 5,8% auf 845.007. Da die Zahl der Pflegebedürftigen in den vollstationären Einrichtungen nicht in gleichem Maße anstieg sank die Auslastung der stationären Pflegeeinrichtung kontinuierlich. Die durchschnittliche Auslastung einer vollstationären Einrichtung betrug 2001 knapp 90%, 2009 nur noch 86,6%.(6)

Eine Strategie, dem insgesamt steigenden Wettbewerb im Altenhilfesektor zu begegnen, ist die Marktsegmentierung. Hierbei wird der Gesamtmarkt in heterogene Teilmärkte aufgeteilt, um für diese Teilmärkte spezielle Angebote zu entwickeln (7) und sich so abzugrenzen. Hierzu ist es erforderlich, den Markt und seine Kräfte zu analysieren. Marktanalysen im Altenhilfesektor beziehen sich allerdings oft nur auf die Inhalte Wettbewerb, Bedarf und Kooperationsmöglichkeiten. Besonders wichtig ist jedoch auch die Ausrichtung auf die Kunden und deren Bedürfnisse. (8) Die Aufteilung in Teilmärkte ist daher gerade im Altenhilfebereich aus Sicht der Kunden zu vollziehen.

Kundenorientierung durch Ausrichtung an Lebensstilen

Es stellt sich die Frage,  wie eine individuelle Versorgung auf eine breite Bevölkerungsgruppe ausgerichtet sein kann. Auf der einen Seite will man die Bedürfnisse der Kunden befriedigen und die Lebensqualität steigern, auf der anderen Seite verursacht eine individuelle Angebotsausrichtung hohe Kosten. Diese gilt es möglichst gering zu halten oder sogar, verglichen zum derzeitigen Stand, zu reduzieren.

Ein Verfahren der Marktsegmentierung ist die Gruppierung nach unterschiedlichen Kriterien und Eigenschaften der Kunden, wie beispielsweise ihr Kaufverhalten, soziologische, demographische und psychographische Kriterien. (9) Zusammen bilden diese Kriterien den Lebensstil einer Person. Diese Lebensstile können zusammengefasst werden, so dass Gruppierungen entstehen, die charakterisiert und darauf basierend Angebote entwickelt werden können.

Ein Beispiel für eine solche Gruppierung stellen die Sinus-Milieus dar. (10) Dabei werden anhand der sozialen Schichtung und den Wertevorstellungen zehn Milieus identifiziert und charakterisiert. Werte sind beispielsweise die persönliche Einstellung zu Pflicht und Ordnung, Individualität, Selbstverwirklichung, Genuss und Experimentierfreude. Um ein Angebot für ältere Menschen gezielt entwickeln zu können, ist es notwendig, deren Wertevorstellungen zu kennen. Ist beispielsweise für eine bestimmte Gruppe die Familie von hoher Bedeutung und möchte man diese Gruppe ansprechen, benötigt man Angebote, die auch verstärkt die Familie mit einbeziehen. Ein Angebot für einen extrovertierten, experimentierfreudigen älteren Menschen ist eher auf Erlebnis ausgerichtet.

Eine besondere Zielgruppe bilden die LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability). (11) LOHAS wurden im Jahre 2001 das erste Mal von dem Amerikaner Paul Ray erwähnt und gelten als Absatzmarkt der Zukunft, da sie einerseits eine sehr kaufkraftstarke Gruppe darstellen und sich andererseits immer mehr Menschen zu diesem Lebensstil bekennen. LOHAS zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich an ihrer eigenen Lebensqualität orientieren, aber auch ökologische und soziale Ziele verfolgen. Die Lebensqualität wird langfristig und global betrachtet, so dass nachhaltige Produktion ein wichtiges Kaufkriterium für LOHAS ist. Sie bewerten solche Produkteigenschaften bewusst und sie sind daher bereit, höhere Preise zu zahlen. LOHAS gibt es in allen Altersgruppen und auch zunehmend bei der älteren Bevölkerung. Um diese Zielgruppe zu adressieren müssen deren Besonderheiten berücksichtigt werden. Stationäre Einrichtungen können zum Beispiel beim Bau Ihrer Einrichtung nachwachsende Rohstoffe benutzen, ehrenamtliches Engagement unterstützen, Angebote für gesundheitsbewusste Menschen weiter ausbauen und biologisch angebaute Nahrungsmittel anbieten.

Die Orientierung am Kunden ist zum einen notwendig, um die steigenden Anforderungen und Wünsche zu kennen und zu befriedigen, zum anderen ermöglicht sie auch den Anbietern, sich im Markt zu positionieren und Alleinstellungsmerkmale zu entwickeln.

Herausforderung Personal

Auf Grund der steigenden Anzahl von Pflegefällen wird im Jahre 2050 ein Bedarf an Vollzeitkräften in Höhe von 1,2 bis 1,5 Millionen erwartet. (12) Das daraus errechnete Defizit im Jahre 2025 wird vom Statistischen Bundesamt auf 112.000 Vollzeitstellen beziffert. (13)
 
Die alternde Bevölkerung in Deutschland bezieht sich nicht nur auf die Nachfrage nach Unterstützungstätigkeit, sondern hat auch Auswirkungen auf das Arbeitskräftepotential. Es stehen allgemein weniger Arbeitnehmer zur Verfügung und dadurch auch speziell im Pflegesektor.

Im Altenhilfesektor liegen somit zwei gegenläufige Trends vor. Auf der einen Seite steigt die Nachfrage, auf der anderen Seite gibt es immer weniger Mitarbeiter, die die Versorgung übernehmen können. Auf Grund dieser Entwicklungen wird die Personalgewinnung in Zukunft eine noch stärkere Rolle spielen. Anreize wie Sozialleistungen, Erreichbarkeit, Fortbildungen, Aufstiegsmöglichkeiten und Betriebsklima werden über die erfolgreiche Akquisition von Personal entscheiden.

Ein daraus resultierendes Problem besteht in der Zunahme der Zahl älterer Pflegekräfte. Innerhalb von acht Jahren hat sich die Zahl der Beschäftigten über 50 Jahren im Altenhilfebereich verdoppelt. (14) Auch hier müssen Gegenmaßnahmen ergriffen werden, um physische und psychische Belastungen zu reduzieren. Maßnahmen sind beispielsweise Stressbewältigungsprogramme, Prävention und Gesundheitsförderung.

Ein weiterer Aspekt, der noch von vielen  Arbeitgebern unterschätzt wird und der bereits in Bezug auf den älteren Menschen aufgezeigt wurde, lässt sich auch auf das Personal übertragen: die Individualität. Individualität bezieht sich nicht nur auf die Pflegebedürftigen und den Umgang der Pflegekräfte mit unterschiedlichen Lebensstilen, sondern betrifft auch die Pflegenden selbst. Jeder Mitarbeiter ist von seiner Herkunft geprägt und hat bestimmte Wertvorstellungen. Durch die Kenntnis der individuellen Merkmale können diese vom Arbeitgeber gezielt genutzt und gefördert werden, wodurch die Zufriedenheit am Arbeitsplatz steigt. (15) Im Idealfall kennt man sowohl den Lebensstil des Personals als auch die des Kunden und kann in der Pflege die passende Bezugsperson wählen.

Fazit

Der Altenhilfemarkt ist sowohl auf der Nachfrageseite als auch auf der Angebotsseite durch Besonderheiten gekennzeichnet. Einerseits legen die Kunden auf ein verstärkt individualisiertes Angebot wert, bei gleichzeitig steigender Kundenanzahl auf Grund der älter werdenden Bevölkerung. Andererseits stehen die Pflegeeinrichtungen und Dienstleister im Pflegebereich einem zunehmenden Fachkräftemangel gegenüber. Zudem muss ein großes Umdenken bei der Anpassung des Angebots auf die Kunden und in der Personalpolitik erfolgen. Das Zusammentreffen von steigendem Bedürfnis nach Individualität und höherer Kundenzahl erfordert neue, finanzierbare Lösungswege. Durch eine effiziente Angebotsgestaltung, wie etwa durch Marktsegmentierung und Kundengruppierung, kann sowohl dem Kostendruck als auch der Individualität Rechnung getragen werden.


1  Durch eine Änderung der Berechnung des Statistischen Bundesamtes ist dieser Wert nur näherungsweise ermittelbar. (Näheres siehe Statistisches Bundesamt 2011, S. 26)
2  Vgl. Statistisches Bundesamt 2011, S. 24
3  Eigene Studie »Zukünftige Kunden und Kundinnen« 2008
4  Eigene Studie »Trendstudie Pflege 2020« 2007
5  Vgl. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2011, S. 20
6  Vgl. Statistisches Bundesamt 2011, S. 18
7  Vgl. Pepels 2007, S. 10
8  Vgl. Wesenik/Stöckle 2008, S. 10ff.
9  Vgl. Freter 2008, S. 93
10 Sinus Socivision GmbH 2011
11  Parwan 2011, S. 3ff.
12  Vgl. Enste 2010, S. 3
13  Vgl. Statistisches Bundesamt 2010, S. 999
14  Vgl. dip 2010 , S. 28
15  Beer et al. 2008, S. 36ff.


Quellenangaben [Stand URL: 2011-08-12]

Beer, B., Hammer, G. & Kuhr, G. 2008. Integration von Diversity in die Altenpflege: Ein Leitfaden für Pflegeeinrichtungen. Bremen.
http://proaktiv.iaw.uni-bremen.de/ccm/cms-service/stream/asset/?asset_id=624007

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2011. Demenz-Report: Wie sich die Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die Alterung der Gesellschaft vorbereiten können.
http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Demenz/Demenz_online.pdf

Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (dip) 2010. Pflege-Thermometer 2009: Eine bundesweite Befragung von Pflegekräften zur Situation der Pflege und Patientenversorgung im Krankenhaus. Köln.

Enste, D. H. 2010. Pflege – Jobmotor der Gegenwart und Wachstumsbranche der Zukunft: Kurzstudie für den Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V. Köln.

Freter, H. 2008. Markt- und Kundensegmentierung: Kundenorientierte Markterfassung und -bearbeitung. 2. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.


Parwan, P. 2011. LOHAS „Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit“ verändert Wirtschaft und Gesellschaft: Vortrag am 27. Januar 2011 beim Zukunftsforum »Lebens- und Arbeitswelten der Zukunft« in Stuttgart.

Pepels, Werner 2007. Marktsegmentierung: Erfolgsnischen finden und besetzen. 2. Aufl. Düsseldorf: Symposion.


Sinus Sociovision GmbH 2011. Die Sinus-Milieus in Deutschland 2011.

http://www.sinus-institut.de/loesungen/sinus-milieus.html

Statistisches Bundesamt 2010. Projektionen des Personalbedarfs und -angebots in Pflegeberufen bis 2025. Wirtschaft und Statistik(11), 990–1002.
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Querschnittsveroeffentlichungen/WirtschaftStatistik/Gesundheitswesen/ProjektionPersonalbedarf112010,property=file.pdf

Statistisches Bundesamt 2011. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung - Deutschlandergebnisse -2009. Wiesbaden.
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Fachveroeffentlichungen/Sozialleistungen/Pflege/PflegeDeutschlandergebnisse5224001099004,property=file.pdf

Wesenick, L. & Stöckle, S. 2008. Marktanalyse in der Altenhilfe – eine solide Datenbasis zur markt- und kundenorientierten Ausrichtung der Altenhilfeeinrichtung. curacontact(2), 10–11.
http://www.curacon.de/fileadmin/user_upload/pdf/themen_und_trends/curacontact/Curacontact_0208.pdf


Autor:
Dipl.-Kfm. Stefan Strunck

Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
CC Workspace Innovation
www.iao.fhg.de


Veranstaltungshinweis:
Mehr zum Thema Pflege 2020 – Trends und Visionen erfahren Sie beim  2. Jahreskongress "Demographic Challenge, Gesellschaft im Wandel: Die Immobilien muss mit" am 10. November in Frankfurt am Main. Diskutieren Sie mit Stefan Strunck  und weiteren Experten über die Konzepte von heute und den Bedarf von morgen.  Weitere Informationen zu Themen und Referenten im Programm (PDF).

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