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INSIGHT Nr. 3, September 2011 Städtische Mobilität ohne Emissionen – eine Vision?*)
Emissionsfreie Mobilität - das haben wir in unseren dichten europäischen Städten doch heute schon mit Nahmobilität zu Fuß und mit dem Fahrrad. Das macht nach Mobilität in Deutschland (MiD, 2008) landesweit etwa ein Drittel aller Wege aus – auf dem Lande etwas weniger als in der Stadt. Betrachten wir einzelne Städte, dann liegt der Anteil der Nahmobilität zu Fuß und mit dem Fahrrad an allen Wegen zwischen 30 und 50 % (SrV, 2008, TU Dresden). 2 Stadt der kurzen Wege ![]() Bild 1: Städtischer Personenverkehr wird von zwei Systemengetragen (eigene Darstellung) Damit sind wir bei den Emissionen. Um welche geht es? Zum einen sind es die Klassiker, wie Treibhausgase, Luftverunreinigung und Lärm, zum anderen geht es aber auch um Flächenbeanspruchung und Trennwirkung und um Unfälle und Gefährdung. Entsprechend dem Thema des Seminars Sauber, Leise, Klimaneutral beschränke ich mich auf Luftqualität, Lärm und Klimagase.
Was heißt ohne Emissionen? Wie viel Rest ist akzeptabel und was ist realistisch – selbst in einer Vision? Weniger oder fast keine Emissionen erreichen wir durch weniger Autoverkehr, durch langsameren Autoverkehr und durch andere Autos.
4 Multimodal im Mobilitätsverbund
Weniger Autoverkehr ist heute schon möglich. Das zeigen die Beispiele Wien, Zürich oder Berlin und Frankfurt. Die haben deutlich weniger Autoverkehr als die meisten deutschen Städte. Die Spanne reicht von 34 % in Wien und Frankfurt bis über 50 % in Chemnitz und im Ruhrgebiet. Im Ruhrgebiet liegt das an der polyzentrischen Siedlungsstruktur und dem engmaschigen Autobahnnetz, in Chemnitz am Erbe der Aufmarsch-Achsen. Aber trotzdem, der Städtevergleich zeigt, dass Verschiebungen im Modal Split weg vom Auto hin zum Mobilitätsverbund möglich sind – bei entsprechender Stadtplanung und kommunaler Verkehrspolitik.
Weniger Autoverkehr wird erreicht durch mehr multimodale Mobilität im Verbund. Die städtische und regionale Mobilität wird von zwei Systemen getragen (Bild 1): zum einen vom privaten Autoverkehr und zum anderen vom multimodalen Mobilitätsverbund aus Nahmobilität zu Fuß und mit dem Fahrrad, aus Öffentlichem Verkehr mit Bahnen und Bussen und aus Car-Sharing. Den zwei Systemen entsprechend plädiere ich für die Angabe eines bi-modalen Splits Privatauto versus Mobilitätsverbund.
Multimodal unterwegs bedeutet: lange Fahrten mit der Bahn, Wege in der Stadt mit ÖPNV, kurze Wege mit Fahrrad und zu Fuß, Fahrten auf dem Land mit Elektro-Auto als eigenes Auto, Taxi oder Car-Sharing und, was besonders wichtig ist, die Kombination der Verkehrsmittel. Multimodale Mobilität hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen – so zum Beispiel in Zürich (Bild 2 - Stadt Zürich, 2008).
![]() Bild 2: Mobilität wird differenzierter, multimodaler, kombinierter (Stadt Zürich, 2008)
Mobilität wird teurer. Das trifft den Autoverkehr deutlich mehr als den Mobilitätsverbund. Letzterer wird zur Mobilitätsgarantie für Alle. Geld, das ein Haushalt ohne Auto einspart, geht zu weniger als der Hälfte in den Mobilitätsverbund, der überwiegende Rest in anderen Konsum. Öffentlicher Verkehr mit Bahnen und Bussen übernimmt eine Rückgratfunktion multimodaler Mobilität. Das Auto bleibt unverzichtbar, wird aber seine dominierende Rolle als Allzweck-Fahrzeug einbüßen. Mit Auto nutzen statt besitzen tritt die Dienstleistung Mobilität anstelle des Produkts Auto. Daran arbeiten alle großen Auto-Hersteller.
Car-Sharing ist auch im letzten Jahr wieder um über 20 % gewachsen. Es sieht ganz so aus, dass es jetzt die Steilstrecke der üblichen s-förmigen Kurve der Marktdurchdringung (Bild 3) erreicht hat und mittelfristig sein mehrfach prognostiziertes Potenzial von zwei Millionen Car-Sharern. Mit car2go bietet Daimler in Ulm und in der europäischen Umwelthauptstadt Hamburg ein weiter entwickeltes Car-Sharing. Mit der one way-Option können die eingesetzten Smarts beliebig im Stadtgebiet abgestellt werden.
Auch Car-Pooling – also die alte, bisher nicht in großem Stil funktionierende Fahrgemeinschaft – gehört dazu. Die Kopplung der Navis in den Autos mit SmartPhones führt zu ganz neuen Möglichkeiten, Fahrgemeinschaften zu verabreden – auch spontan. Auch hier mischt Daimler mit car2gether in Ulm und Aachen mit.
Die Kombination der Verkehrsmittel erfordert deren Vernetzung und Integration. Schnittstellen müssen einfaches Umsteigen gewährleisten. Dazu werden aus ÖPNV-Haltestellen und Haltepunkten der Bahn Mobilitätspunkte mit Abstellanlagen für Fahrräder, Fahrrad-Leihstationen, Car-Sharing-Stellplätzen und Ladestationen für Pedelecs und E-Autos.
5 Elektro-Verkehr mit Öko-Strom
Elektro-Verkehr ist längst Standard bei der Eisenbahn und beim ÖPNV mit U-Bahnen, Stadtbahnen, Straßenbahnen und Trolley-Bussen. Pedelecs und E-Scooter sind Vorreiter und Schrittmacher für die individuelle E-Mobilität. Aber das Elektro-Auto steht medial im Mittelpunkt.
Die Öko-Bilanz von Elektro-Verkehr hängt vom Strom-Mix ab. In Deutschland mit zurzeit 17 % Anteil regenerativer Energien kann ein E-Auto bei CO2 mit einem Diesel oder Benziner gerade mithalten. Aber das ändert sich: Je sauberer der Strom wird, desto besser die Wirkung. In Österreich mit 61 % regenerativer Energie am Strom-Mix – dank Wasserkraft – sieht das schon deutlich besser aus.
Bild 3: Marktdurchdringung von Car-Sharing in Deutschland (eigene Darstellung) Heute ist der motorisierte Individualverkehr zu über 99 % vom Öl abhängig. Das ist im Vergleich zu vielen anderen Energieverbrauchern eine besondere Situation. Elektrische Energie ist in ihrer ökologischen Bewertung vom jeweiligen Strom-Mix abhängig. Und der muss und wird sich zugunsten der erneuerbaren Energien verändern. Elektro-Verkehr nimmt also – im Gegensatz zum Öl-Verkehr – an der hoffentlich schnell vorangetriebenen Ökologisierung der elektrischen Energie teil: zum Beispiel 50 % regenerativ bis 2030 und 100 % bis 2058.
Neben der CO2-Bilanz geht es – auch heute bereits – um lokale Null-Emissionen bei Abgasen und stark reduzierte Feinstaubbelastung. Darüber hinaus fahren E-Autos ohne Antriebsgeräusch, was die Frage der Wahrnehmung durch blinde oder unachtsame Personen aufgeworfen hat. Wahrnehmbar leiser wird es in der Stadt aber erst, wenn 20 bis 30 % der Autos elektrisch fahren. Das geräuschlose Anfahren der E-Autos entlastet in erster Linie die Lärmbrennpunkte der Kreuzungen. Auf den Strecken dazwischen wird es allerdings nur bei Geschwindigkeiten bis etwa 30 km/h leiser. Denn bei höheren Geschwindigkeiten dominieren die Rollgeräusche.
Mit Tempo 30 als Regellimit und mit Elektro-Autos müsste sich das Problem des Verkehrslärms in der Stadt also lösen. Das stimmt aber nicht ganz, denn in den letzten Jahren haben bei Pkw die Antriebsgeräusche abgenommen, nicht aber die Reifengeräusche. In der Folge sind heute selbst bei Tempo 30 die Rollgeräusche dominant. Das liegt daran, dass die Reifen in Breite und Härte für Höchstgeschwindigkeiten auf Autobahnen ohne Tempolimit ausgelegt werden. Und die sind bei niedrigen Geschwindigkeiten in der Stadt unnötig laut. Die Geräuschgrenzwerte für Reifen sollen 2012 um 3 dB(A) gesenkt werden, was immer das bei Tempo 30 bedeutet. Erst wenn zu Tempo 30 und Elektro-Antrieb leisere Reifen hinzu kämen, wäre das Lärmproblem – soweit es Pkw betrifft – gelöst.
Auf den verbleibenden Tempo 50-Straßen können lärmarme Fahrbahndecken (OPA) – nach neueren Erkenntnissen – deutlich wahrnehmbare Lärmminderungen bewirken. Bisher waren diese höheren Geschwindigkeiten vorbehalten.
6 Gesamtkonzept postfossiler Mobilität
Die zurzeit zu beobachtende Reduktion des Problems auf das Elektro-Auto greift zu kurz. E-Autos können konventionelle Autos nicht eins zu eins ersetzen (Bild 1 links). Sie sind keine Allzweck-Autos. Sie sind Kompakt-Autos mit Reichweiten von derzeit 100 bis 150 km, je nach Wetter und Fahrweise. Sie sind im Kauf deutlich teurer, im Betrieb aber billiger. Modelle für Auto nutzen statt besitzen sind also gefragt.
Postfossile Mobilität sieht anders aus als die heutige stark vom Auto geprägte. Das Auto bleibt wichtig, wird aber nicht mehr die dominierende Rolle als Allzweck-Fahrzeug spielen. Man kann spekulieren, dass künftig die Motorisierung zurückgeht – in der Stadt stärker als auf dem Land.
![]() Bild 5: Entwicklung der Motorisierung in der Region München (eigene Prognose-Spekulation)
Das Wuppertal-Institut hat für München die möglichen und erforderlichen CO2-Einsparungen bis 2058 aufgezeigt (Wuppertal-Institut / Siemens, 2009). Im Verkehr wird demnach prozentual nicht ganz das erreicht, was in anderen Bereichen möglich ist. Interessant sind die auf einzelne Maßnahmen herunter gebrochenen CO2-Reduzierungen im Personenverkehr. Fasst man diese nach den Aspekten weniger Autoverkehr und andere Autos wieder zusammen, so entfallen auf weniger Autoverkehr ca. 40 % der CO2-Reduzierungen und auf andere Autos ca. 50 %.
Bild 6: CO2-Minderungen für 2058 am Beispiel München nach Einzelaspekten (Wuppertal Institut / Siemens (2009)) Postfossile Mobilität erfordert ein Gesamtkonzept aus multimodaler Mobilität im Verbund, Energie- und Wegeeffizienz durch Mobilitätsmanagement, Stadt der kurzen Wege, Muskelkraft-Mobilität in der Nähe, virtueller Mobilität, Elektro-Verkehr und Information, Beteiligung und Marketing (Topp, 2011). Nur im Zusammenspiel aller Optionen ist ein harmonischer Übergang möglich.
7 Neue Mobilitätskultur
Peak Oil, Klimaschutz und die Dauer des Übergangs in postfossile Mobilität erlauben keinen Aufschub, am Übergang zu arbeiten. Shared Space und Begegnungszonen haben einen Prozess angestoßen, der über weniger Regulierung zu mehr Eigenverantwortung und Rücksichtnahme im Stadtverkehr führen kann – letztlich zu einer neuen Mobilitätskultur.
Es gibt weitere Indizien dafür. Das Auto verliert an Bedeutung. Für junge Menschen ist es nicht mehr so wichtig. Car-Sharing hat zweistellige Zuwachsraten. Die Auto-Industrie bietet neue Mobilitätsmodelle: car2go in der Umwelthauptstadt Hamburg und car2gether als neue Art spontaner Fahrgemeinschaften. Vélib in Paris ist Vorbild für immer mehr Fahrrad-Leihsysteme. Multimodale Mobilität mit den richtigen Verkehrsmitteln unterwegs löst monomodale Auto-Mobilität ab.
Gewiss, Auto ist noch Mainstream, aber das ändert sich – vielleicht schneller als man denkt. Denn die anderthalb Jahrhunderte fossiler Mobilität gehen mit Klimawandel und Peak Oil zu Ende. Wir müssen heute die Weichen stellen für den Übergang in postfossile Mobilität. Nahmobilität, Multimodalität, Mobilitätsmanagement, Elektro-Verkehr mit sauberem Strom, Tempo 30 – alles zusammen macht die Vision einer sauberen, leisen und klimaneutralen Mobilität zur künftigen Realität. *) nach einem Vortrag im Seminar Sauber, Leise, Klimaneutral – Was kann die kommunale Klimapolitik leisten? des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) im September 2011 in Berlin Quellen:
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