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Krise sei Dank – Die andere Klima-Zukunft
Krise sei Dank – Die andere Klima-Zukunft Der Klimawandel schreitet unaufhörlich voran – insbesondere auch deshalb, weil der Anteil der fossilen Energien and der Energieerzeugung immer weiter zunimmt. Stark wachsende Volkswirtschaften wie China, aber auch Russland und Indien verbrauchen immer mehr Energie – besonders fossile Energie wie Kohle – daher steigen die Treibhausgase unaufhaltsam. In China geht derzeit durchschnittlich ein Kohlekraftwerk pro Woche ans Netz. Diese Kohlekraftwerke werden die kommenden 40-60 Jahre immer weiter klimabelastende Emissionen verursachen. Zudem wächst der Transportsektor unaufhörlich, speziell der Individualverkehr- und damit der Benzinverbrauch. Zwar liegen die pro Kopf Emissionen der stark wachsenden Volkswirtschaften wie China und Indien noch weit hinter denen der Industrieländer. Insbesondere die USA verbrauchen pro Kopf immer noch am meisten Energie – und könnten durch einen sparsameren Umgang leicht und Kosten günstig die Klimagase senken. Dennoch ist es abzusehen, dass durch das rasante Wachstum speziell der Schwellenländer die Treibhausgase weiter wachsen werden, sodass sich die pro Kopf Emissionen immer weiter annähern. Energierevolution Wenn wir eine irreversible Schädigung des Klimas vollständig vermeiden wollten, müssten bis zur Mitte diesen Jahrhunderts die Treibhausgase um mindestens 50 bis zu 80 % vermindert werden – dies kann nur durch einen Umbau des Energiesystems, durch Energieeinsparungen und klimabewusste Landwirtschaft und Energiegewinnung erfolgen. Die Energie muss CO2 frei, sicher und bezahlbar sein. Die Internationale Energieagentur hat erkannt: wir benötigen nichts weniger als eine „Energierevolution“. Und dies zwar eigentlich mehr gestern als heute, denn der Energiemarkt reagiert ähnlich wie das Klima mit langen Zeitverzögerungen. Wenn die Energieversorgung im Jahre 2050 zum größten Teil CO2 frei sein soll, muss heute mit der Umstellung begonnen werden. Das Problem ist allerdings, dass die notwenigen Energietechniken nur zum Teil bekannt und noch lange nicht einsatzbereit sind. Beispiel Kohle: zwar scheint die Abscheidung von CO2 bei der Verbrennung von Kohle technisch möglich zu sein, allerdings ist ungelöst, wie das eingelagerte CO2 unterirdisch reagiert und womöglich wieder entweicht. Die Effizienzverluste, die erhöhten Kosten durch Abtrennung, Transport und Einlagerung haben bisher eher aus ökonomischen Gründen abschreckend gewirkt. Zudem ist neben der rechtlichen auch die Akzeptanzfrage ungelöst. Oder alternative Kraftstoffe: Biokraftstoffe der 2. und 3. Generation scheinen vielleicht in der Lage zu sein- wenn sie nachhaltig produziert wurden und nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion (z.B. Rest- oder Abfallstoffe) stehen – einen kleinen Anteil herkömmlicher Kraftstoffe ersetzen zu können. Durch möglichst frühzeitige Forschung hätte man auch dieses Problem viel eher lösen können. Durch den temporär sehr hohen Ölpreis wurden aber nun auch bisher ungeahnte und eher zurückgehaltene Lösungen wieder interessant: die Elektromobilität. Eine alte Technik, die nun jedoch aus dem Dornröschenschlaf wach geküsst worden zu sein scheint. Nur: wenn wir die weltweite Mobilität mit Elektroantrieb decken wollen, wird die Stromnachfrage stark in die Höhe gehen – und der Strom sollte ja CO2 frei, sicher und bezahlbar sein. Sicherlich werden die erneuerbaren Energien weiter wachsen und die technischen Potentiale, insbesondere der Solarenergie, werden deutlich zunehmen. Die Solarenergie wird sicherlich bis zum Ende des Jahrhunderts eine der wichtigsten Energiequellen werden – insbesondere in sonnenstarken Gegenden kann die Solarenergie die wichtigste und bei verstärktem Einsatz auch Kosten günstigste Möglichkeit der Energieerzeugung werden. Die OPEC Ländern von heute können weiterhin wichtige Anbieter von Energie sein, wenn sie rechtzeitig auf die innovativen Energieformen umstellen. Aber sicherlich wird eine Art „Solar-OPEC“ in der Zukunft auch sonnenreiche Länder wie Afrika umfassen können und auch zu wirtschaftlichen Wohlstand in vom Klimawandel benachteiligte Länder führen.
Wichtig bleibt, dass wir ab jetzt unsere Ausgaben in Forschung und Entwicklung deutlich erhöhen und viel stärker als bisher die technologischen Innovationen zum Umbau des Energiesystems beitragen. Parallel dazu muss viel mehr getan werden, um die Energieeffizienz zu verbessern, mehr Energie einzusparen und schon heute verstärkt CO2 arme Energietechniken anzuwenden. Aber auch die weiteren Treibhausgase, wie Methan und Lachgas, sollten reduziert werden – hier kann der Landwirtschaftssektor einen Beitrag leisten. Klimaschutz ist der Wirtschaftmotor und schafft Arbeitsplätze, sei es im Bereich emissionsarmer Energietechniken, der Energieherstellung wie beispielsweise die Branche der erneuerbaren Energien zeigt, aber auch nachhaltige Mobilität, Klimaschutztechniken, Energie- oder Finanzdienstleistungen. Sie alle werden bzw. profitieren schon heute vom Klimaschutz. Es darf nicht heißen „jetzt erst einmal nicht“, sondern „jetzt erst recht“. Die Finanzmarktkrise hat deutlich gemacht, dass der Staat sinnvoll sein kann – ja manchmal eingreifen muss, nämlich genau dann, wenn die Märkte sich selbst nicht mehr heilen. Beim Klimaschutz und bei der Energieversorgung darf man es nicht so weit kommen lassen, dass das Wirtschaftssystem kollabiert. Schon seit längerem werden Unternehmen nach ihren mittel- bis langfristigen Zielen und den nachhaltigen Umgang mit Energie und der Umwelt bewertet. Neben direktem Klimaschutz werden Unternehmen auch nach ihrer sozialen Verantwortung und ethischen Unternehmensführungen bewertet. Unternehmen, wie sie die zentralen Herausforderungen des Klimaschutzes und des nachhaltigen Umgangs mit Energie und Rohstoffen bewerkstelligen wollen, werden ohnehin marktwirtschaftlich die Nase vorn haben. Denn Kapitalgeber werden gerade nach dieser negativen Erfahrung an den Finanzmärkten noch genauer hinschauen, wo ihr Geld hinfließt. Unternehmen, die schon heute auf nachhaltige Energien und Klimaschutz setzen, werden gestärkt aus der Krise hervorgehen. Genau dies habe ich in meinem neusten Buch „Die andere Klima-Zukunft- Innovation statt Depression“ aufgelistet: Unternehmen, die sich rechtzeitig auf die neuen Geschäftsfelder einlassen, werden die Kapitalgeber besonders attraktiv, insbesondere und gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Die Märkte gehören denen, die sie sehen. Klimaschutz ist eine Chance für die gesamte Volkswirtschaft Allein in der Branche der erneuerbaren Energien können bis zum Jahre 2030 rund eine Million Arbeitsplätze entstehen – mehr als es heute in der Automobilindustrie gibt. Deutschland ist als „Land der Ingenieure“ schon heute Technologieführer, warum nicht auch im Bereich grüner Technologien?! In der Chemie entwickelt man bereits heute nachhaltige Produkte, und auch die Autohersteller setzen zunehmend auf alternative Antriebstechniken. Vor allem die Bauwirtschaft wird auf neue energieeffiziente und klimafreundliche Konzepte umsatteln, Stichwort »Gebäudedämmung«, und dadurch einen Wachstumsschub erleben. Letztlich können alle Wirtschaftszweige vom Klimaschutz profitieren. Potenzial vor allem im Immobilienbereich Volkswirtschaftlich gesehen ist es vor allem lohnend, mehr zu tun, um Energie einzusparen, die Energieeffizienz zu verbessern, insbesondere im Gebäudebereich. Energiesparen – bei diesem Stichwort denken die meisten Menschen zuerst an Verzicht. Clevere Unternehmen denken nicht an Verzicht, sondern an Erfolg – und an Investition – und zwar an die richtigen Investitionen. Die größten und leichtesten Energieeinsparpotenziale liegen neben denen im Mobilitätsbereich vor allem im Immobilienbereich – in der Gebäudehülle. Es könnte knapp ein Fünftel des Energiebedarfs von Immobilien allein dadurch eingespart werden, wenn man die Gebäude mit effizienter Dämm- und Klimatechnik ausstatten würde. Endlich ist das Energiemanagement in den Fokus von Politik und Wirtschaft geraten. Man hat begriffen, das die Energiekosten so sehr steigen, dass die Hauseigentümer selbst auf die Idee kämen, dass Energiesparen nicht dasselbe meint wie frieren müssen. Und heute werden Unternehmen gebraucht, der zuverlässige und kostengünstige Gebäudetechnik nach modernsten Klimaerkenntnissen liefert. Kluge Unternehmen haben schon vor einiger Zeit in Forschung und Entwicklung investiert und haben Fassadentechnik so gestaltet, dass sie nicht nur Energie spart, sondern sogar gewinnt. Baubranche gehört zu den Gewinnern des Klimawandels So makaber es klingt: Die Baubranche gehört zu den Gewinnern des Klimawandels. Wenn der Klimawandel ungebremst eintritt, wird mit jedem Grad mehr, um das sich die Erde erwärmt, auch das Ausmaß an Zerstörung von Gebäuden und Infrastruktur zunehmen. Jeder Wirbelsturm und jedes Hochwasser werden Schäden an Immobilien hinterlassen, die es dann zu reparieren gilt. Insofern könnten die meisten Bauunternehmen getrost die Hände in den Schoß legen und darauf warten, dass die Klima-Zukunft kommt. Wer klüger ist, baut vor und beginnt mit dem klimabedingten Geldverdienen schon jetzt. Denn die Anpassungsmaßnahmen beginnen bereits heute. Küstenschutz, Hochwasserschutz, Kanalisation und Abflusssysteme – die Liste der Bauarbeiten, die notwendig sind, um einer wärmeren Klima-Zukunft und den entsprechenden Nebenwirkungen standzuhalten, ist lang. Neue Energiekonzpte Auch erfordert der Klimaschutz die Entwicklung völlig neuer Energiekonzepte für Gebäude. Mehr als drei Viertel des Energieverbrauchs von Häusern gehen heute in der Regel auf das Heizen zurück, die Warmwasserbereitung verbraucht etwa 12 Prozent, die Elektrogeräte 10 Prozent, und für die Beleuchtung wird nur 1 Prozent benötigt. Ineffiziente Heizsysteme, schlecht isolierte Fenster und Türen sowie fehlende Wärmedämmung kommen die Hauseigentümer jedes Jahr teurer zu stehen. Es ist wichtig, dass wir frühzeitig mit Klimaschutz beginnen, im Kleinen jeder Bürger, jede Stadt und Kommune sowie jedes Unternehmen. Im Großen müssen die Weltnationen ein internationales Klimaabkommen vereinbaren und sich zu verbindlichen Klimaschutzanstrengungen verpflichten. Es ist falsch, immer mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu warten, bis andere etwas tun. Es ist richtig, genau diesen Teufelskreis zu durchbrechen und ganz gezielt etwas für den Klimaschutz tun. Vor allem die Kommunen sind gefragt: beginnend von Energieeinsparungen von öffentlichen Gebäuden, der Förderung des ÖPNV oder von CO2 freie Innenstädten, z.B. durch Elektromobilität, Förderung von Pilotprogrammen zum Ausbau erneuerbarer Energien, Förderung von Kraft-Wärme Kopplungsanlagen bis hin zur Verbesserung der Informationen, Bildung, Ausbildung von Entscheidungsträgern und Beratern. Die Liste der Aufgaben ist lang und es gibt mittlerweile viele Kommunen, die Klimaschutz ganz aktiv und dezentral umsetzen. Da kann man nur allen Kommunen ans Herz legen: wir benötigen nicht nur innovative Technologien, sondern auch innovative Politik und eine mutige und innovative Wirtschaftsförderung. Dann klappt es auch mit dem Klimaschutz. Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin. Sie ist Wirtschaftsexpertin auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz. Claudia Kemfert ist Beraterin von EU Präsident José Manuel Barroso und Gutachterin des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC). Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin und gefragte Expertin für Politik und Medien.
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